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"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Zins-Strohhalm" (Von Alois Vahrner)

Ausgabe vom 6. Dezember 2002

Innsbruck (OTS) - Die Europäische Zentralbank hat gestern mit
ihrer Senkung der Leitzinssen um 0,5 Prozentpunkte das erhoffte Signal für die schwer angeschlagene europäische Wirtschaft gegeben. Spät, aber doch, werden nun Kredite und damit auch Investitionen billiger.
Die dringend nötige Zinssenkung der EZB wäre bereits vor einem Monat gekommen. Paradoxerweise verhindert haben sie damals jene Politiker, die lauthals danach riefen. Die EZB wollte unter Beweis stellen, dass sie keinesfalls auf Zurufe von außen reagiert. Es war auch eine Trotzreaktion auf ausufernde Defizite in einigen EU-Ländern, allen voran Deutschland, und das immer heftigere Rütteln am Euro-Stabilitätspakt. Kommissions-Präsident Prodi hatte den Pakt sogar als dumm bezeichnet.
Den Euro-Hütern war allerdings ebenso klar, dass sie an ihren hohen Zinsen nicht auf Dauer festhalten können. Zumal es bei der jüngsten Serie an Krisenmeldungen aus der Wirtschaft, und hier erneut allen voran aus Deutschland, derzeit ganz andere Gefahren gibt als das Inflationsgespenst.
Geld wird nun also billiger, die Auswirkungen sind abzuwarten. Die Wirkungskette zwischen Zinsbeschlüssen, Konjunktur und Preisen ist nämlich äußerst komplex. Dass aber mit Zinssenkungen allein eine marode Wirtschaft wieder in Fahrt gebracht werden kann, ist mehr als nur fraglich. Bestes Beispiel sind die USA, die innerhalb eines Jahres gleich elf Mal ihre Leitzinsen reduziert und damit ihre Zinssenkungspulver wohl fast verschossen haben. Obwohl Zentralbankgeld der Fed derzeit mit nur noch 1,25 Prozent so billig ist wie zuletzt vor 41 Jahren, schwächelt die amerikanische Konjunktur bis heute dahin.
Weil den meisten EU-Staaten angesichts ihrer tristen Budgetlage das Geld für konzertierte Konjunkturprogramme fehlt, wird trotzdem dankbar nach jedem erdenklichen Strohhalm gegriffen. Auch wenn es vor allem um psychologische Effekte geht.

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