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DER STANDARD-Kommentar: "Ein wachsendes Imageproblem" (von Christoph Winder) - Erscheinungstag 6.12.2002

Sympathieverluste im Antiterrorkrieg: George W. Bush hätte Handlungsbedarf

Wien (OTS) - Eine erstaunliche Finanznachricht kommt dieser Tage
aus Pjöngjang. Ohne Auswirkungen für mehr als 99 Prozent der Nordkoreaner, bedeutet sie für die privilegierte Entourage des weisen Staatsoberhauptes Kim Jong Il zweifellos eine Umgewöhnung: Jene Happy Few, die sich in der Hungerdiktatur ein Luxusleben leisten können, werden ihre Devisenkonten im Ausland künftig nicht mehr mit Dollar, sondern mit Euro beschicken müssen.

Die nordkoreanische Umstellung von Dollar auf Euro lässt sich leicht als eine kleine Unfreundlichkeit deuten, mit der sich das Regime gegenüber den USA revanchieren möchte. Wenn man von George W. Bush schon in die "Achse des Bösen" eingegliedert wird, dann ist ja auch nicht einzusehen, warum man weiter in US-Währungskategorien denken und zahlen sollte.

Mehr als ein Jahr ist der von der Bush-Regierung ausgerufene Krieg gegen den Terrorismus im Gange, und dem Renommee der USA hat er, auch außerhalb Nordkoreas, alles andere als gut getan. Eine am Mittwoch veröffentlichte Studie des International Herald Tribune und des Washingtoner Forschungsinstitutes Pew, das sich in 44 Ländern von Angola bis Vietnam (nicht in Austria) umgehört hat, zeigt, dass die USA mit einem wachsenden Imageproblem zu tun haben. Bei den engsten europäischen Verbündeten werden die Amerikaner immer noch überwiegend positiv gesehen, aber negativer als noch vor einem oder zwei Jahren. Ähnliches gilt in den meisten Ländern Osteuropas.

Begibt man sich noch weiter gen Osten, wird das Bild bedrohlich trübe. In der Türkei, immerhin ein Nato-Partner, hat gerade noch ein schwaches Drittel der Bevölkerung eine günstige Meinung von Amerika, und im zentralasiatischen Raum ragt überhaupt nur noch Usbekistan als eine einsame Insel der Amerikanophilie aus einem Meer der Amerikanophoben heraus.

Die Ergebnisse der Studie sind relativ einfach zu deuten, weil sie sich als ein direkter Reflex auf 9/11 und die darauf folgenden politischen und militärischen Reaktionen lesen lassen: Dass sich die islamischen Länder von den USA besonders auf Korn genommen fühlen und dies mit entsprechendem Widerwillen quittieren, ist ebenso einsichtig wie der Umstand, dass sich die Russen, denen in der amerikanischen Antiterrorstrategie eine bedeutende Rolle zugewiesen wurde, geschmeichelt fühlen und daher Washington in einem weit rosigeren Licht sehen als vor 9/11.

Gänzlich fair ist der Groll, der den Amerikanern in der islamischen Welt entgegengebracht wird, übrigens nicht: Denn die durchgängige Bemühung, jede Identifikation von "Terror" und "Islam" zu vermeiden, wird man den Amerikanern trotz aller politischen Fehler nicht absprechen können.

Komplizierter wird die Sache dort, wo es für die USA darum geht, diesem Sympathieverfall entgegenzuwirken. Vor allem scheint hier das Problemverständnis der Regierung Bush ein wenig trübe. In ihrer Auffassung davon, wie der Antiterrorkrieg zu führen ist, legt sie oft eine technokratische Machbarkeitsattitüde an den Tag und setzt sich über Einwände von Partnern und Alliierten eher leichtherzig hinweg. Diese Unterschätzung des menschlichen Faktors birgt aber ernste Gefahren in sich. Im Kampf gegen die Geisel des Terrors ist nicht nur die Expertise der Geheimdienstleute und der Militärs gefragt, sondern der gute Wille möglichst vieler Menschen, die aber erst einmal von der Redlichkeit der amerikanischen Absichten überzeugt werden wollen.

In diesem Sinne ist die Studie, an der auch Exaußenministerin Madeleine Albright mitgewirkt hat, vielleicht auch als ein Wink mancher besorgten Amerikaner an ihre Regierung zu verstehen, die Relevanz der öffentlichen Meinung auch jenseits der US- Grenzen nicht zu unterschätzen. Die Hoffnung, dass diese Botschaft bei der Bush-Regierung auf fruchtbaren Boden fallen wird, ist nicht gerade groß. Man sollte sie aber auch nicht schon in vorauseilendem Pessimismus begraben.

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