Düstere Visionen in Kabul

Wien (OTS) - VON GERHARD BITZAN

Kommende Woche werden in Afghanistan 70 österreichische Soldaten ihre Sachen packen und in die Heimat zurückkehren. Sie haben - im Rahmen ihrer Möglichkeiten - gute Arbeit beim Wiederaufbau geleistet, aber waren letztendlich nur ein kleines Rädchen in der von großen Nationen angeführten Schutztruppe.
Die Rückkehr der Österreicher hat auch Symbolcharakter: Ein westliches Land kehrt Afghanistan den Rücken, weil dort die Regierung ohnehin nur in Kabul und Umgebung etwas zu sagen hat, und weil sich die "Warlords", also die lokalen Stammesfürsten mit ihren riesigen Privatmilizen, kaum mehr um die Anweisungen des Präsidenten scheren. Das ist natürlich überspitzt formuliert, denn Österreich zieht aus Kostengründen ab und wird auch in Hinkunft am Aufbau Afghanistans mithelfen - aber der Vergleich trifft den Kern der Sache. Gut ein Jahr nach der endgültigen Vertreibung der hinterwäldlerischen Taliban und dem Versuch, normale staatliche Strukturen aufzubauen, ist im Westen das Interesse an Afghanistan in den Keller gesackt.
Das zeigte sich jetzt auch bei der Petersberger Konferenz bei Bonn, bei der Anfang der Woche Dutzende Außenminister sowie Vertreter von UNO und EU versuchten, ein Wiederaufbau-Resümee des vergangenen Jahres zu ziehen und über künftige Hilfe zu beraten. Was dabei herauskam, war aber ernüchternd. Hehre Worte, ja. Aber konkrete Zusagen gab es kaum.
Es war keine Geberkonferenz, sondern ein Treffen, "damit Afghanistan nicht in Vergessenheit gerät" - so Deutschlands Außenminister Joschka Fischer. Etwas wenig, um Afghanistans Staatschef Karsai wirklich zu helfen. Der Ansatz des Westens ist der, daß es Hilfsgelder erst dann gibt, wenn die Sicherheit paßt und funktionierende Strukturen da sind. Die Sicherheit kann aber nur mit vielen Geldern aufgebaut werden. Ein Teufelskreis, aus dem das Land nicht herausfindet.
Dabei ist die Situations-Analyse erschreckend: Blutige Kämpfe zwischen den Milizen, eine triste Sicherheitslage, großflächiger Opium-Anbau, gesellschaftspolitische Rückschritte etwa in der Gleichbehandlung von Frau und Mann. Dazu kommt noch die derzeitige Debatte über eine Verfassung, die möglicherweise dem Islam wieder eine alles überragende Rolle zugesteht.
Eine der Ursachen für diese Misere liegt in den archaischen Strukturen: Ein Land, in dem mehrere Ethnien seit Jahrhunderten um die Macht kämpfen, wo nicht der Staat zählt, sondern der Clan, und wo verkrustetes Traditionsdenken kaum aus den Köpfen herauszubekommen ist - so ein Land kann nicht rasch in eine moderne Gesellschaft transformiert werden. Das ist Illusion.
Dazu kommt auch, daß die USA, die vergangenes Jahr in Afghanistan zu Recht eine Brutstätte des internationalen Terrors ausgeräuchert haben (wenn auch nicht mit totalem Erfolg), sich fast nur auf das Militärische konzentrieren und kaum Interesse zeigen, nachhaltig zu wirken. Mit anderen Worten: Es fehlt eine Art Marshall-Plan für Afghanistan.
Somit bleiben zwei Szenarien übrig. Erstens: Ein extrem langsamer Aufbau der politischen und gesellschaftlichen Strukturen, der Jahre, vielleicht Jahrzehnte dauern kann. Oder zweitens: Ein "erfolgreicher" Terroranschlag auf die Führungsspitze, in dessen Gefolge das Land wieder in Anarchie versinkt.
Die Afghanen fürchten sich schon jetzt vor dem Tag, an dem ein Irak-Krieg beginnen könnte. Denn dann reduzieren die USA ihre Streitkräfte in Afghanistan, die internationale Aufmerksamkeit wendet sich Bagdad zu - und am Hindukusch könnte früher als erwartet Szenario zwei, die Anarchie, eintreten.

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