DER STANDARD-Kommentar: "Sprachliche Verwirrung" (von Walter Müller) - Erscheinungstag 4.12.2002

Wien (OTS) - Substanzielles war nicht zu erwarten von dieser
ersten Aufwärmrunde zwischen SPÖ und ÖVP. Dazu ist die Zeit nicht reif. Die SPÖ ringt noch mit sich selbst, wohin sie sich wenden soll, und Wahlsieger Wolfgang Schüssel muss ebenfalls noch warten. Auf die FPÖ. Oder was von ihr nach dem Sonderparteitag am Sonntag noch übrig bleibt. Ehe Schüssel nicht alle potenziellen Koalitionspartner am Tisch hat, wird er keine einzige seiner Karten aufdecken. Und so vertreibt er sich die Zeit mit kleinen Bosheiten wie jenem schlichten DIN-A4- Blatt mit dem Titel "Kassasturz", das er dem SPÖ-Vorsitzenden Alfred Gusenbauer in die Hand drückte, nachdem dieser eine Offenlegung aller Budgetzahlen als Vorbedingung für weitere Koalitionsgespräche verlangt hatte.

Die erste Gesprächsrunde war dennoch nicht ohne Brisanz. Es wäre nicht Wolfgang Schüssel, hätte er nicht in dieses Zusammentreffen am Dienstag mit der SPÖ eine taktische Finesse eingebaut. Schüssel sprach von ersten "Verhandlungen", die er mit der SPÖ geführt habe. So wie er es auch mit der FPÖ und den Grünen vorhabe. Die SPÖ aber ist nur zu "Vor-Gesprächen" bereit. Nicht zu Verhandlungen. Es gilt nach wie vor die Ankündigung, in Opposition zu gehen. Für SPÖ-Chef Gusenbauer hat Schüssels sprachlicher Kniff aber ernsthafte Folgen. Ab wann konsultiert er seine Gremien, die ihn ja noch gar nicht zu Verhandlungen beauftragt haben? Wie erklärt er, dass er nur Sondierungsgespräche führt, während Schüssel bereits verhandelt?

Schüssel verwässert die sprachliche Grenze. So kann er nach Belieben mit allen drei Parteien parallel "verhandeln", ohne offiziell Verhandlungen ausgerufen zu haben - und damit alle Koalitionschancen optimal ausloten. Fraglich nur, ob sich die SPÖ davon verwirren lässt.

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard
Tel.: (01) 531 70/428

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST0001