U.S. Botschafter W. L. Lyons Brown: Konflikte und Lösungen:Die Bedeutung der Führungsrolle

Diplomatische Akademie, Wien Dienstag, 3. Dezember 2002

Wien (OTS) - Exzellenzen, werte Gäste:

Es ist mir eine besondere Ehre, gerade an der Diplomatischen Akademie zu einem so wichtigen Thema wie den transatlantischen Beziehungen zu sprechen.Die Botschaft der Vereinigten Staaten in Wien arbeitet eng mit Herrn Botschafter Sucharipa zusammen, und die Diplomatische Akademie leistet ganz hervorragende Arbeit.

In diesen Monat fällt der erste Jahrestag meiner Ankunft in Wien, und wenn ich auf die vergangenen zwölf Monate zurückblicke, so denke ich sofort an den wunderbaren Empfang und die österreichische Gastfreundschaft, die uns in dieser schönen Stadt zuteil wurden.

Was die amerikanisch-europäischen Beziehungen betrifft, war es jedoch eine besonders unruhige Zeit. Viele Beobachter sehen die transatlantischen Beziehungen an einem Tiefpunkt, eine um so auffallendere Entwicklung, bedenkt man die Erfolge unserer Partnerschaft in den letzten fünfzig Jahren.

Heute möchte ich einige Gründe für die derzeitigen Differenzen zwischen Amerika und Europa beleuchten. Ich möchte darüber sprechen, wie wir diese Probleme angehen und im Endeffekt auch lösen könnten, sodass das volle Potential unserer Partnerschaft ausgeschöpft und ein Fortschritt hin zu einer friedlicheren und besser gedeihenden Welt erzielt werden kann.

Vor zehn Jahren wurden die transatlantischen Beziehungen mit ihrer ersten Belastungsprobe nach dem Ende des Kalten Krieges konfrontiert. Nachdem die Vereinigten Staaten anfänglich Europa in der Jugoslawienkrise den Vortritt gelassen hatten, setzten sie schliesslich ihr Potential ein, um zusammen mit den Europäern dem schlimmsten Morden Einhalt zu gebieten. In der Folge mussten wir uns mit einer ganzen Reihe neuer Konflikte auf dem Balkan, in Bosnien, im Kosovo und in Mazedonien auseinandersetzen.

Wir haben auch eine Mission in Serbien durchgeführt - ohne UN Mandat, wie Sie sich sicher erinnern - in der die NATO ihrer neuen Rolle ausserhalb des Gebietes ihrer Mitgliedsstaaten gerecht wurde. In dieser Zeit haben die Vereinigten Staaten und Europa gemeinsam ihre Beziehung neu definiert, und Europa hat ein grösseres Mass an Verantwortung übernommen. Wenn dieser Prozess auch nicht immer ganz reibungslos verlief, so war er letztendlich doch wirkungsvoll.

Die NATO ist in ihre neue Rolle hineingewachsen und hat neue Mitglieder aufgenommen, darunter auch Österreichs Nachbarn, die Tschechische Republik und Ungarn. Auch hat man die Vorarbeit für den kürzlich in Prag abgehaltenen NATO Gipfel geleistet, auf dem beschlossen wurde, weitere Nachbarländer Österreichs als Mitglieder aufzunehmen. All dies, einschliesslich der Schaffung einer neuen Partnerschaft zwischen der NATO und Russland, war nur als Folge einer zwischen den USA und Europa geteilten Führungsrolle möglich.

Konsultationen waren der wichtigste Bestandteil in diesem Prozess, doch brachten diese Beratungen aktives Handeln, Engagement und echte Ergebnisse, welche die Notwendigkeit von Veränderungen auf globaler Ebene berücksichtigten.

Während dieser Zeit teilten sich Europa und Amerika grösstenteils die Führungsrolle, doch ganz offen gesagt kamen die Impulse hauptsächlich aus Washington. Bis zu einem gewissen Grad war dies nur natürlich, bedenkt man die wesentlich umfangreicheren US Ressourcen und Möglichkeiten.

Es zeichnete sich dennoch ein Trend ab, der die unterschiedlichen Auffassungen hinsichtlich der Notwendigkeit, neuen Herausforderungen mit zusätzlichen Ressourcen zu begegnen, sowohl widerspiegelte, als auch verstärkte. Der sogenannte "Capabilities Gap", wie der Generalsekretär der NATO, Lord Robertson das gravierendste Problem der transatlantischen Beziehungen bezeichnete, verschärfte sich zunehmend. In den letzten zehn Jahren sanken die Verteidigungsausgaben der USA von 5% auf 3% des US-Bruttoinlandsproduktes. Das europäische Verteidigungsbudget verringerte sich von 3% auf 2%. Mit dem zusätzlichen Verteidigungsbudget jedoch, das die USA nach dem 11. September genehmigten, liegen die Ausgaben der USA in diesem Bereich wieder bei fast 5% des Bruttoinlandsproduktes. Betrachtet man die absoluten Zahlen, ist dies wegen des schnelleren Wachstums der US Wirtschaft umso auffallender. Die europäischen Verteidigungsausgaben haben hier nicht Schritt gehalten, auch angesichts der Anforderungen der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan nicht, bei der unsere europäischen Partner unschätzbare Hilfe geleistet haben.

Nun könnte man natürlich argumentieren, der Westen hätte viel früher in Afghanistan intervenieren sollen. Die Menschenrechtsverletzungen des Taliban Regimes waren schon seit Jahren bekannt. Schon lange vor dem 11. September 2001 war die Unterstützung, die dieses Regime Aufrührern zukommen liess eine ernste Bedrohung für Afghanistans Nachbarländer, wie zum Beispiel Usbekistan. Die Einnahmen aus illegalen, in erster Linie nach Europa gehenden Drogenexporten, war die wichtigste Finanzquelle der Taliban, eines Regimes das in nahezu jeder Hinsicht seine völlige Missachtung internationaler Normen zum Ausdruck brachte. Wenn ein Regime stolz darauf ist, tausende Jahre alte historische Monumente zu zerstören, kann das in jedem Fall nur als besonders abschreckendes Zeichen gewertet werden.

Und dennoch waren sowohl die Amerikaner, als auch die Europäer bereit, die Taliban zu tolerieren, da die geschätzten Kosten einer Intervention zur Befreiung Afghanistans als zu hoch, und die Bedrohung als zu gering erachtet wurde. Was Amerika betrifft, so haben wir gelernt, dass diese Ansicht falsch war.

Allein in New York waren die unmittelbaren wirtschaftlichen Kosten der Anschläge vom 11. September höher als die des Militäreinsatzes in Afghanistan. Natürlich sind fianzielle Mittel unerheblich, vergleicht man sie mit dem um vieles höheren politischen und moralischen Preis.

Diese Kosten, die man wohl als den Preis einer Führungsrolle ansehen kann, sollten, so wie im Versicherungswesen, am besten von einer breitestmöglichen Basis getragen werden. Die Schaffung eines internationalen Konsens darüber, was akzeptabel ist und was nicht, ist der beste Weg, Staaten zu ermutigen, internationale Verhaltensnormen zu befolgen. Idealerweise wäre dies eine Rolle, die der UNO zukommt.

Es sind Staaten, die für sich das Recht in Anspruch nehmen, ausserhalb dieser Normen zu agieren, auf die sich Präsident Bush mit dem Begriff der "Achse des Bösen" bezog. Nordkoreas unverfrorenes Geständnis, es habe tatsächlich Nuklearewaffen passend zu seinem Langstreckenraketenprogramm entwickelt, ist eine Verletzung des Vertrags über die Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen und weiteren internationalen Abkommen aus dem Jahre 1994. Ausserdem liefert es einen überzeugenden Beweis dafür, dass Präsident Bushs Besorgnis durchaus begründet war. Vergleichbare Programme im Irak und im Iran zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen und Waffensystemen zur Bedrohung anderer Staaten haben extrem destabilisierende Auswirkungen, sowohl in regionaler, als auch in globaler Hinsicht. Es gibt in dieser Angelegenheit keine Zweideutigkeit. Entweder, wir dulden derartige Bedrohungen, eine Strategie, die, wie die Geschichte zeigt, fast nie funktioniert, oder wir tun etwas dagegen. Ich bin froh sagen zu können, dass unsere europäischen Partner über viele Jahre hinweg eng mit uns zusammengearbeitet haben, um die Verbreitung gefährlicher Technologien in bestimmten Ländern einzuschränken, doch wie wir kürzlich erkennen mussten, ist das nicht immer genug.

Ich glaube nicht, dass es fundamentale Unterschiede in der Sichtweise der USA und Europas über diese Bedrohung gibt. Niemand von uns will, dass undemokratische, instabile und aggressive Staaten, die keine Achtung für die Menschenrechte ihrer Bürger haben, in den Besitz von hochgefährlichen Waffen kommen. Weshalb also sind unsere europäischen Freunde wegen der Ansichten unseres Präsidenten derart aufgebracht, die sich schliesslich und endlich ja als wahr herausgestellt haben?

Ich respektiere pazifistische Gesinnungen und die Erinnerung an die Zerstörung des Zweiten Weltkrieges; dennoch glaube ich, dass die Ablehnung, die Präsident Bush in manchen Teilen Europas erfährt, nicht nur unfair, sondern verantwortungslos ist.

Ich möchte unsere europäischen Freunde ermutigen, einmal in aller Ruhe zu überlegen, was genau sie eigentlich an der US Politik stört.

Seit dem Zweiten Weltkrieg engagieren sich die Vereinigten Staaten auf der ganzen Welt für die Förderung von Frieden und Stabilität. In vielen Gebieten sind wir noch immer mit dem Vermächtnis der post-kolonialen Zeit konfontiert, Probleme die nicht auf das Konto Amerikas gehen. Die USA stellen zum Beispiel im Rahmen der UN Hilfsorganisationen schon seit Jahrzehnten den grössten Anteil an Unterstützung für palästinensische Flüchtlinge zur Verfügung. Natürlich sind wir gute Freunde Israels, dennoch pflegen wir auch kontinuierlich unsere Beziehungen zu Israels arabischen Nachbarn, denn wir wissen, dass Friedensvermittlung in einer derart komplexen Krise nur auf der Basis langandauernder Partnerschaften verwirklicht werden kann. Wir schätzen die Unterstützung, die wir in diesen Bemühungen von unseren Partnern im sogenannten Quartett erhalten, von der EU, der UN und von Russland. Die Strategie zur Lösung des Nahostkonfliktes mag vielleicht in Washington entworfen werden, doch kann sie nur dann zum Frieden führen, wenn sie auch in New York, Brüssel und Moskau überarbeitet wird. Meine Damen und Herren, wir sehen unser Engagement in dieser Angelegenheit durchaus nicht als Unilateralismus.

Ich verstehe auch, dass viele Europäer meinen, Präsident Bushs Entscheidung den Irak zu konfrontieren sei unilateral. Wir sollten uns vielleicht für einen Moment die Missachtung des Irak für insgesamt 16 UN Resolutionen in den letzten 11 Jahren vor Augen halten, sowie die Tatsache, dass es bis vor kurzem keinen Konsens bei den wichtigsten Staaten gab, weder hinsichtlich der Dringlichkeit der Bedrohung, noch darüber, was angesichts der Problematik zu tun sei. Meiner Ansicht nach wissen die meisten erfahrenen Menschen, dass es dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen ein weiteres Mal nicht gelungen wäre, der Bedrohung durch das Bestreben des Irak, in den Besitz von Massenvernichtungswaffen zu gelangen, entsprechend zu begegnen, hätte Präsident Bush nicht die Entschlossenheit der USA deutlich gemacht, wenn notwendig auch allein gegen den Irak vorzugehen.

Unglücklicherweise, wie das Beispiel Nordkorea zeigt, ist es am besten, schon dann zur Verhinderung der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen einzuschreiten, bevor diese überhaupt stattfindet. Nun hat man mehrfach auf die Strategie des Präsidenten gegenüber Nordkorea hingewiesen, wo man durch Diplomatie und wirtschaftlichen Druck eine Abrüstung erreichen will, und gemeint, diese sollte man auch beim Irak anwenden. Es wurde sogar angedeutet, Nordkorea sei der Beweis dafür, dass Präsident Bushs Präventivpolitik nicht funktioniert.

Hier muss man sich zunächst darüber im klaren sein, dass diese Präventivpolitik nicht für alle Regierungen ein militärisches Eingreifen vorsieht, die in den Besitz von Massenvernichtungswaffen gelangen wollen. Sie erfordert jedoch, dass Handlungen gegen jene Staaten gesetzt werden, die versuchen, die USA und andere zu "erpressen", um diese daran zu hindern, sich aktiv gegen Aggression zu wehren. Unglücklicherweise versucht Nordkorea genau das zu tun, indem es mit "harten Gegenmassnahmen" droht, sollten sich die Vereinigten Staaten nicht zu Verhandlungen bereit erklären. In diesen wird Nordkorea ein weiteres Mal grosse Summen an finanzieller Hilfe und die Anerkennung seines totalitären kommunistischen Regimes fordern. Die Regierung unter Präsident Clinton ist auf diesen Handel eingegangen, wie sich inzwischen herausgestellt hat mit katastrophalen Folgen.

Es gibt natürlich keine Garantie dafür, dass die Politik der jetzigen US Regierung gegenüber Nordkoreas Atomwaffenprogramm eine Veränderung im Verhalten dieses Landes mit sich bringen wird, und dass sich die Krise nicht verschärft. Es besteht aber eine viel grössere Aussicht auf Erfolg, wenn die USA und die UNO weiterhin ihre ernstzunehmendes Engagement für die Entwaffnung des Irak zeigen.

Sollte es zu einer Intervention im Irak kommen, dann deshalb, weil es den USA, ihren Verbündeten und der UN nicht gelungen ist, mit Hilfe diplomatischen, wirtschaftlichen und militärischen Drucks eine Veränderung in diesem Land zu bewirken. Ein Nichthandeln beinhaltet aber das Risiko eines weiteren Erpressers, vergleichbar mit, oder noch schlimmer als Nordkorea.

Wenn einige Menschen in Europa Präsident Bush kritiseren, weil sie seine Wortwahl oder seinen Führungsstil nicht gutheissen, dann ist das ihr gutes Recht. Doch sollten wir darauf achten, nicht den Blick für die wirklich wichtigen Dinge zu verlieren. Ein zentraler Punkt ist weiterhin, wie man langfristig Frieden und Stabilität sichern kann. Die Frage ist also, wie ernst wir die Probleme in Ländern wie dem Irak und Nordkorea nehmen, und was wir bereit sind, in dieser Angelegenheit zu unternehmen. Oder, etwas provokanter formuliert könnte man auch fragen, wo liegt die Grenze zwischen Führungsverantwortung und Unilateralismus?

In diesem Zusammenhang beziehe ich mich nicht auf Themen wie das Kyoto Protokoll oder den Internationalen Strafgerichtshof. Wie Sie wissen, ist Amerika der Ansicht, dass das Umweltabkommen schwerwiegende Mängel aufweist. Es basiert nicht auf wissenschaftlichen Fakten, seine Ziele sind nicht ohne schwerwiegende wirtschaftliche Probleme und den Verlust von Millionen Arbeitsplätzen zu erreichen. Ausserdem sind zwei Drittel der Erde, unter anderem China, nicht in seine Zielsetzungen eingebunden. Ebenso unterscheiden sich unsere Ansichten über den Internationalen Strafgerichtshof, zum Teil wegen unterschiedlicher rechtlicher Traditionen in den USA und Europa. Ein weiterer kritischer Punkt ist auch, dass die USA, mit ständig über 200.000 im Ausland stationierten Truppen, besonders der Gefahr eines potentiellen, politisch motivierten Missbrauchs durch ein Gericht ausgesetzt ist, das sich keiner Stelle gegenüber verantworten muss. Man kann in diesen Angelegenheiten, abhängig von der jeweiligen persönlichen Ansicht, unterschiedlicher Meinung sein. Derartige Differenzen können die transatlantischen Beziehungen vielleicht trüben, doch sollten sie diese nicht ernsthaft gefährden. Unsere Interessen sind zu ähnlich und zu umfassend, als dass wir dies zulassen könnten.

Was mich viel mehr beschäftigt, ist die Frage des jeweiligen Potentials und der Teilung der Verantwortung. Einige unter Ihnen werden sich an Robert Cagan’s heute berühmten Artikel über die Unterschiede zwischen den USA und Europa erinnern, in dem er sagt, die USA bauten auf eine Strategie der Stärke, während die Europäer eine Politk der Schwäche verfolgten.

Dieser Artikel erscheint mir sehr übertrieben, da ich überhaupt nicht glaube, dass Europa bewusst schwach sein möchte, oder nicht Willens ist, seinen Beitrag zur internationalen Ordnung zu leisten. Es stellt sich jedoch die Frage nach der Wahrnehmung der Bedrohung, oder wie unmittelbar eine Gefahr, wie riskant ein bestimmter Kurs ist. Um noch einmal auf das Beispiel Afghanistan zurückzukommen: Sowohl die Amerikaner, als auch die Europäer waren noch vor zwei Jahren der Ansicht, dass die Taliban, egal wie sehr man sie auch ablehnen mochte, doch vergleichsweise weit entfernt waren. Aufgrund ihrer gering entwickelten technologischen Möglichkeiten, nicht wegen ihrer feindlichen Absichten, waren sie eine Bedrohung, allerdings nur für ihre unmittelbaren Nachbarn.

Heute, so fürchte ich, erkennen wir, dass Gebiete auf der Landkarte, in denen Gesetz und Anstand nichts gelten, eine Gefahr für uns alle darstellen. Heisst das, die USA würden jedes Risiko eingehen, um alle Schwierigkeiten der Welt zu lösen, oder, um John Kennedy zu zitieren, "jede Last zur Verteidigung der Freiheit auf sich zu nehmen?" Sicher nicht. Kein Land ist stark oder dumm genug zu versuchen, alle Konflikte auf der Erde zu lösen. Wir müssen Prioritäten setzen, was meiner Ansicht nach immer wichtig ist, wenn man den Begriff "Führungsrolle" definiert.

Klarerweise ist die oberste Priorität meines Landes heutzutage der Krieg gegen den Terrorismus. Wir nennen es einen Krieg, obwohl wir genau wissen, dass an seinem Schluss kein Friedensvertrag unterzeichnet wird, sollte es jemals ein Ende dieses Kampfes gegen Extremismus und Hass geben. Wie verwenden dieses harte Wort, um den Ernst des Konfliktes zu beschreiben, und die noch nie dagewesene Intensität, die der 11. September unseren Bemühungen verlieh.

Wir wissen genau, oder vielleicht sogar besser als unsere europäischen Freunde, dass es noch andere Probleme gibt als den Irak. Dennoch, zu unserem Schutz und zur Reduzierung der terroristischen Bedrohung mit Massenvernichtungswaffen, sind wir überzeugt, dass der Irak durch seine Abrüstung Respekt für internationales Recht zeigen muss, eine Forderung, der Baghdad nach dem irakischen Angriffskrieg im Golf ja zugestimmt hat. Präsident Bushs Irak-Politik hat nun die einstimmige Unterstützung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen erhalten. Sie hat auch die Zustimmung des US Kongresses, sowie einer breiten Basis der amerikanischen Medien, darunter solch kritischer Publikationen wie der "New York Times" und der "Washington Post". Ein Irak, der die internationale Staatengemeinschaft respektiert, anstatt die Familien von Selbstmordattentätern finanziell zu unterstützen, ist eine grundlegende Bedingung für Frieden und Stabilität in der Golfregion.

Für mich ist Entschlossenheit ein weiterer wichtiger Aspekt einer Führungsrolle. Der Westen hätte den Kalten Krieg nicht überdauert, wenn wir nicht gemeinsam in unserer grundlegenden Strategie konsequent gewesen wären. Heute müssen die Vereinigten Staaten im Kampf gegen den Terrorismus Standhaftigkeit zeigen, und unser natürlicher Verbündeter ist hier Europa. So sehr wir auch die Unterstützung unserer asiatischen und lateinamerikanischen Freunde schätzen, es sind die transatlantischen Beziehungen, die hier auf dem Prüfstand stehen. Sie haben sich in mehr als zwei Generationen geteilter Bemühungen und Opfer als das erfolgreichste Bündnis erwiesen. Europas Unterstützung und europäische Sichtweisen bedeuten Amerika mehr als Ihnen vielleicht bewusst ist.

Im Endeffekt wissen wir alle, dass Führungsverantwortung auch von der Bereitschaft in sie zu investieren und bis zur Erreichung eines Ziels durchzuhalten abhängt. Es ist nicht notwendig, dass wir hier alle bei der Teilung der Führungsrolle einen gleich hohen oder identischen Preis zahlen, doch sollten wir zumindest anerkennen, dass Friede und Stabilität nicht umsonst zu haben sind. Wir dürfen nicht so tun, als ob alle Probleme auf dieser Welt durch einen nur vage definierten Dialog zu lösen sind, so wie wir auch alle wissen, dass die meisten Konflikte nicht durch Gewalt beseitigt werden können.

Ich bin alt genug, um persönliche Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg zu haben. Mein Grossvater war in den vier Jahren vor dem Anschluss Österreichs der amerikanische Militärattache in Wien. Ich habe mich mein ganzen Leben lang mit Geschichte befasst, und für mich hat sich immer und immer wieder gezeigt, dass der grösste Fehler, den eine Gesellschaft machen kann, der ist, Aggression nicht entsprechend zu begegnen. Auch wenn man die Anschläge vom 11. September 2001 irgendwie verhindert hätte, so wären wir heute dennoch mit der Bedrohung durch die Al Quaida, den Irak, und vermutlich auch anderen konfrontiert.

Vor allem seit den furchtbaren Anschlägen auf mein Land, und auf New York, meine Stadt, denke ich, wie die Mehrheit der Amerikaner, dass wir die grösstmögliche Anstrengung unternehmen müssen, um das terroristische Netzwerk zu besiegen und die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen zu verhindern, die, sollten sie jemals zum Einsatz kommen, auch den Schrecken des 11. September noch in den Schatten stellen könnten.

Diese Herausforderung ist meiner Ansicht nach nicht nur eine Verpflichtung, sondern auch eine Chance die transatlantischen Beziehungen wieder neu zu beleben, und genau den gegenseitigen Respekt wieder zu erlernen, den Amerikaner und Europäer einander entgegenbringen sollten, gerade wegen unserer Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten. Meine Aufgabe ist es, Ihnen zuzuhören, mit Ihnen zu sprechen und Ihnen die Politik meiner Regierung auseinanderzusetzen, und hoffentlich auch Unterstützung zu erhalten. Ich bin auch hier, um einen Einblick zu gewinnen, wo sich die Ansichten zwischen Europa und den Vereinigten Staaten unterscheiden.

Ich bin überzeugt, dass die überwältigende Mehrheit der Österreicher - ja der Europäer - die Welt mehr oder minder genauso sieht wie die Amerikaner. Wir würden es alle vorziehen, unsere Energien für angenehmere Dinge zu verwenden als die Bedrohung durch den Terrorismus, doch solange Ereignisse wie die Bombenanschläge auf Bali nicht nur mehr weit zurückliegende schreckliche Erinnerungen sind, können wir es uns nicht leisten in unserer Wachsamkeit nachzulassen.

Es ist naürlich nicht meine einzige Aufgabe in Wien, Ihre Hilfe bei einem globalen Engagement zur Bekämpfung des Terrorismus zu gewinnen, so wichtig dieses Ziel auch sein mag. Es gibt andere bedeutende Aspekte in den österreichisch-amerikanischen Beziehungen. Ich bin zuversichtlich, dass sich während meiner Zeit als Botschafter hier weiterhin viele Gelegenheiten zur Vertiefung der bilateralen Beziehungen bieten werden. Natürlich gibt es noch viel zu tun, und ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit der neuen österreichischen Bundesregierung. Die Herausforderungen im Zuge einer erweiterten EU und NATO sind für Österreich von entscheidender Bedeutung. Ich hoffe, dass Österreich eine noch umfassendere Rolle bei der Integration der neuen EU Mitglieder spielen wird. Es liegt sicherlich im Interesse Österreichs, dies zu tun. Auch würde es unsere bilateralen Beziehungen ankurbeln, schon wegen der Bedeutung die Amerika dem Erfolg der ehemaligen Ostblockländer als demokratische Staaten im Genuss ihrer spät gewonnenen Freiheit beimessen.

Ich glaube auch, dass die neue österreichische Bundesregierung die Gelegenheit haben wird, über ihre unmittelbare Nachbarländer hinaus tätig zu werden. In vieler Hinsicht ist Österreich eine Erfolgsstory, die als wunderbares Beispiel für die Balkanländer und andere dienen kann. Während meines ersten Jahres in Wien haben wir die Anzahl der Besuche amerikanischer Kongressabgeordneter in Österreich mehr als verdoppelt. Für mich ist es von grosser Bedeutung, Amerika daran zu erinnern, dass Wien nicht nur Repräsentant einer grossartigen Kultur ist, sondern auch ein modernes Zentrum im Herzen eines neuen Europa.

In der Zukunft werden Wien und Österreich mit all den Chancen und Problemen konfrontiert sein, die mit einer multikulturellen, sich dramatisch verändernden Gesellschaft einhergehen. Diese Probleme und Chancen sind ein weiterer Faktor des heutigen Lebens, der unsere beiden Länder betrifft. Amerikaner und Österreicher haben einander viel zu sagen, und ich sehe einem ausführlichen bilateralen Dialog über eine Vielzahl von Themen in unser aller Interesse mit grosser Erwartung entgegen.

Ich weiss, dass es zugleich ein Segen und ein Fluch ist, in einer Zeit Botschafter zu sein, die jemand kürzlich als "interessante Zeiten" umschrieben hat. Meine Aufgabe hier ist jetzt viel komplexer als sie es war, als mich das Weisse Haus wenige Monate vor dem 11. September im Mai 2001 nominierte.

Meine Damen und Herren, ich kann nur hoffen, dass ich mit Ihrer Hilfe meine Aufgabe erfolgreich bewältige. Wie vielleicht nie zuvor zählt Amerika in dieser Zeit auf seine europäischen Freunde. Ich möchte Ihre Ansichten und Besorgnis verstehen, doch ich möchte auch, dass Sie aufgeschlossene Gesprächspartner sind, sowohl diejenigen unter Ihnen, die in der Politik zu Hause sind, als auch alle anderen.

Wenn ich auf dieses so ereignisreiche Jahr in Wien zurückblicke, so sehe ich unzählige Beweise wunderbarer Gastfreundschaft und Liebenswürdigkeit, aber auch einige eher frustrierende Erlebnisse. Ich habe oft das Gefühl, dass wir bei viel zu vielen Gelegenheiten immer noch aneinander vorbei reden. Das Amerika, das ich repräsentiere, unterscheidet sich nicht sehr von jenem Land, das es vor zwei, fünf oder zehn Jahren noch war. Wir müssen uns dessen bewusst sein, dass Amerika und Europa, ja vor allem Europa, gemeinsam durch die friedliche Beendigung der Teilung Ihres wunderbaren Kontinents eine der beeindruckendsten Leistungen in der Geschichte vollbracht haben. Damals war Amerika Ihr verlässlicher Verbündeter, gemeinsam haben wir Führungsverantwortung gezeigt und gelernt. Es gibt keinen Grund, warum das nicht wieder so sein sollte. Vielen Dank.

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