Unbedenklichkeit in ein paar Tagen? Presseaussendung von RA Dr. Harry Neubauer, Vertreter der Erben nach Dr. Heinrich Rieger und Erika Jakubovits, Exekutivdirektor des Präsidiums der IKG vom 3.12.2002 133:

Zur APA-Presseaussendung des Dorotheums vom 28. November 2002 OTS

Wien (OTS) - Laut der vorgenannten Presseerklärung wird dem Schiele-Bild "Stehende Frau" aus der Sammlung des Kunsthistorikers Dr. Hans Tietze von dem sogenannten "bekannten Provenienzforscher" Dr. Robert Holzbauer bereits nach ganz kurzer Recherchezeit die unbedenkliche Herkunft bestätigt. Wie immerhin aus der Presseausendung hervorgeht, befand sich Dr. Tietze 1938 zu einem wissenschaftlichen Aufenthalt in Florenz und ging von dort aus in die Emigration. Da nicht anzunehmen ist, dass Dr. Tietze seine Kunstsammlung auf seinen Reisen im Handgepäck mit sich trug, müßten ihm wohl Bilder, die er nach Amerika ausführen konnte, dorthin nachgesandt worden sein. Daher müßte es über einen derartigen Vorgang einen Ausfuhrakt im Bundesdenkmalamt geben. Wie auch Herrn Dr. Holzbauer sehrwohl bekannt ist, konnte bis dato kein derartiger Ausfuhrakt aufgefunden werden. Soviel zur unbedenklichen Herkunft des Bildes.

Der sogenannte "bekannte Provenienzforscher" Dr. Robert Holzbauer ist Mitarbeiter des Archivs des Bundesdenkmalamts und unabhängig davon mit verschiedenen "privaten" Rechercheaufträgen beschäftigt.

Betreffend die Sammlung Dr. Heinrich Rieger arbeitet Dr. Robert Holzbauer im Auftrag des Archivs des Bundesdenkmalamts und als Mitglied der Kommission der Provenienzforschung, sowie neuerdings als Provenienzforscher des Dorotheums. Diese Tätigkeiten sind absolut unvereinbar und stellen einen erheblichen Interessenskonflikt dar.

Diesbezüglich wird eine sofortige Reaktion des Bundesdenkmalamtes mit entsprechenden Konsequenzen für die Tätigkeit von Herrn Dr. Holzbauer erwartet.

Verwirrungen zu dem Schiele-Bild "Bildstock, Häuser und Bäume"

Wie in dem Schiele-Werkverzeichnis von Otto Nierenstein aus dem Jahre 1930 bestätigt, war das Schiele-Bild "Bildstock, Häuser und Bäume" bereits zu diesem Zeitpunkt in der Sammlung des Wiener Zahnarztes Dr. Heinrich Rieger.

In der Presseaussendung vom 28. November 2002 wird darauf verwiesen, dass Dr. Heinrich Rieger seine Sammlung 1939/40 an den Galeristen Friedrich Welz "übertrug". Hiezu ein Zitat aus dem Dritten Restitutionsbericht der Stadt Wien vom November 2002, der dem Landesgericht für Strafsachen Wien bereits auszugsweise in Kopie vorgelegt wurde:

"Zu Beginn der NS-Herrschaft war eine Abgabestelle für jüdischen Kunstbesitz geschaffen worden, die in den Räumlichkeiten der ehemaligen Kunstgalerie Würthle, Wien 1., Weihburggasse, untergebracht war. "Über Anordnung" wurde der größte Teil der Sammlung Heinrich Rieger dorthin gebracht. Die Kunstgegenstände wurden Heinrich Rieger ohne jedes Entgelt entzogen, teilweise musste er sie durch Zwangsverkäufe veräußern."

Das gegenständliche Bild wurde nach Kriegsende gemeinsam mit zahlreichen anderen Bildern von der U.S. Army beim Ariseur, dem bekannten NS-Kunsthändler Friedrich Welz sichergestellt. Am 6. August 1948 wurden seitens der Property Control and Restitution Section der U.S. Army der Salzburger Landesregierung zu treuen Handen 82 Kunstwerke, die bei Welz beschlagnahmt wurden, mit den Auftrag übergeben, deren Provenienz zu überprüfen, die rechtmäßigen Eigentümer festzustellen und diesen die Bilder zurückzustellen. Doch anstatt dies zu tun, hat die Salzburger Landesregierung das gegenständliche Bild gemeinsam mit anderen Bildern ganz einfach an Friedrich Welz zurückgestellt. Also kann auch aufgrund dieses Vorganges nicht von einem Eigentum von Friedrich Welz ausgegangen werden, wie es das Dorotheum festzustellen versucht.

Zweifellos hätte sich das Dorotheum mit der Provenienz des Schiele-Bildes "Bildstock, Häuser und Bäume" beschäftigen müssen, hinsichtlich dessen es im Buch von Gert Kerschbaumer über die Geschäfte des Kunsthändlers Friedrich Welz "Meister des Verwirrens" heißt, daß "die Identität der Sammler von Allee und Bildstock nicht ewig vertuscht werden kann" (Seite 115). Allein, daß das Bild laut Auffassung des Dorotheum "seit vielen Jahren am Markt bekannt war und keine rechtlichen Ansprüche an dem Gemälde erhoben wurden", berechtigt noch nicht zur Schlußfolgerung, "daß das Eigentum unzweifelhaft ist."

Zwischenzeitig hat die Kriminalpolizei erhoben, daß Jane Kallir das Bild Anfang der Neunziger Jahre an den Wiener Kunsthändler Erich Weninger verkauft hat, zu einem Preis, der diesem heute nicht mehr erinnerlich ist und über welchen Vorgang es keine Unterlagen mehr gibt. Kurzfristig nach diesen Erwerb hat Erich Weninger das Bild an Frau Dr. Edith Buchberger verkauft, wobei es auch über diesen Vorgang keine Unterlagen wie Rechnungen und derlei mehr gibt und ein Kaufpreis bis jetzt nicht bekanntgegeben wurde. Dr. Edith Buchberger wieder hat das Bild durch ihren Rechtsanwalt Dr. Erhard Hanslik zur Auktion des Dorotheums am 27. November 2002 eingeliefert. Diese von den Beteiligten behauptete Vorgangsweise ist jedenfalls in hohem Maße ungewöhnlich und wird weitere Rechtsschritte nach sich ziehen.

Dorotheum

Das Wiener Dorotheum hat eine schillernde Geschichte. Vor 1938 war es eines der unbedeutendsten Auktionshäuser und Pfandleihanstalten. Erst nach dem Anschluß, als alle großen Auktionshäuser und Pfandleihanstalten arisiert wurden und die gestohlenen Kunstwerke sowie die gestohlenen Inventare jüdischer Wohnungen (Silber, Porzellan, Juwelen, Teppiche, Möbel etc.) zur Versteigerung ins Dorotheum eingebracht wurden, konnte das Dorotheum seine Bedeutung erheblich steigern.

Noch in den Jahren 1996 und 1997 wurde Porzellan der Familie Rothschild und Bloch-Bauer angeboten, obwohl zu dieser Zeit schon längst über NS-Kunstraub diskutiert und publiziert wurde. (z.B. 1995 Hector Feleciano: "The Lost Museum, the Nazi conspiracy to steal the world´s greatest works of art", 1995 Lynn H. Nicholas: "The rape of Europe, The Fate of Europe´s Treasures in the Third Reich and the Second World War", etc. ...).

Im März 2001 hat Erika Jakubovits mehrfach versucht, den damaligen Geschäftsführer des Dorotheums, Dkfm. Karny, zu erreichen. Es ging darum, zwei Bilder aus einer seinerzeitigen Auktion zu nehmen und den weiteren Vorgang hinsichtlich dieser Bilder zu diskutieren. Dkfm. Karny war nicht zu erreichen und hat auch nie zurückgerufen. Auch auf den Vorschlag, eine hochkarätige Diskussionsrunde zu dem Thema einzusetzen, ist das Dorotheum nicht eingegangen.

Aber auch Hoffnungen, daß das Dorotheum bzw. deren neue junge Leitung nach der Privatisierung des Dorotheums endlich die unrühmliche Vergangenheit des Dorotheums aufarbeitet und offen und transparent damit umgeht, haben sich nicht erfüllt.

Anfang September 2002 hat der Vorstandsdirektor Mag. Martin Ohneberg gegenüber Erika Jakubovits jede Auskunft darüber verweigert, wann der Bericht, den das Dorotheum angeblich für die Historikerkommission erstellt, fertig sein wird, bzw. welcher Historiker diesen Bericht erstellt. Als Begründung wurde genannt, daß die Historikerkommission damit nicht einverstanden sei. Auch ein Hinweis von Erika Jakubovits, daß dies nicht richtig sei, denn der Bericht sei nicht vor der Historikerkommission beauftragt und auch bei Berichten der Historikerkommission sei bekannt, wer sie erstellt und wann sie fertiggestellt werden, hat an der Position des Dorotheums nichts geändert. Dasselbe ergibt sich auch aus dem Standard-Artikel vom 19. November 2002, Zitat: "Eine Einsichtnahme gewährt Martin Böhm auch dem STANDARD nicht. Weil, wie ersagt, mit der HK vereinbart worden ist, diesen nicht publik zu machen. Eva Blimlinger, Mitglieder der HK, widerspricht aber: Die Kommission hätte zwar zugesagt, ihn nicht zu veröffentlichen. Dies gelte aber nicht für das Dorotheum, das ja den Bericht in Auftrag gegeben hatte. Mit dieser Aussage konfrontiert, sagte Böhm, daß man erst den Endbericht zu veröffentlichen gedenke. Er soll Ende 2003 vorliegen. Das Archiv des Dorotheums über die NS-Zeit einzusehen, sei derzeit nicht möglich, da es eben von Historikern - die Namen will Böhm nicht nennen -bearbeitet werde".

Weiters behauptet Martin Böhm vom Dorotheum in diesem Artikel, daß "die IKG sehrwohl Zugang zum Archiv gehabt habe. Auch würde ihr auf jede Frage Auskunft gegeben werden." Diese Aussage ist unrichtig, genau das Gegenteil ist der Fall.

Wenn man den Katalog zur Auktion des Dorotheums vom 27. November 2002 auch nur oberflächlich durchblättert, fällt einem sofort auf, dass mehrheitlich keine Provenienzen angegeben sind. Im Gegensatz zu internationalen Auktionshäusern wie Sotheby's und Christie´s hat das Dorotheum keine Mitarbeiter, die Provenienzforschung betreiben. Oftmals werden an die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) die verschiedensten Anfragen von Museen, Institutionen, Auktionshäuser, etc. gerichtet, ob zu Bildern und Kunstsammlungen Informationen vorliegen. Interessanterweise kam noch nie eine Anfrage des Dorotheums.

Es stünde dem Dorotheum gut an, wenn es seine Vorgangsweise ändern, sich seiner Vergangenheit stellen und insbesondere einen uneingeschränkten Zugang in seine Archive gestatten und im übrigen im Falle des Schiele-Bildes "Bildstock, Häuser und Bäume" seinen Beitrag dazu leisten würde, daß die Erben des Dr. Heinrich Rieger dieses Bild im Sinne der Gerechtigkeit möglichst rasch restituiert erhalten und den Beteiligten langwierige Gerichtsverfahren erspart bleiben.

Rückfragen & Kontakt:

Erika Jakubovits
Israelitische Kultusgemeinde Wien
Tel: 531 04-102, 0664/201 24 24

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