Schizophrenie: Bis zu 70 % der Patienten werden noch immer mit veralteten Medikamenten behandelt - Teil 1

Vorschriften in Sozialversicherungsrecht, Zivil- und Kirchenrecht führen zu Diskriminierung

Wien (OTS) - Die Verfügbarkeit sämtlicher wirksamer Behandlungsmaßnahmen ist für Schizophrene in Österreich nach wie vor deutlich eingeschränkt. Das erklärte heute Univ.-Prof. Dr. Karin Gutiérrez-Lobos von der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie beim Pressegespräch "Aktuelle Aspekte der Schizophrene und ihrer Behandlung": Das, so Gutierrez, hat mit u.a. mit den nach wie vor in der Öffentlichkeit existierenden Vorurteilen gegenüber schizophrenen PatientInnen zu tun. Sie werden fälschlicherweise für unbehandelbar, unberechenbar und gefährlich gehalten.

Gutierrez: "Eine erfolgreiche Behandlung inkludiert verschiedene therapeutische Maßnahmen wie die Therapie mit antipsychotisch wirksamen Medikamenten, psychosoziale Interventionen und Arbeitsrehabilitation. Aber noch immer werden neue, moderne atypische Antipsychotika (atypische Neuroleptika), die weniger Nebenwirkungen, ein höheres Sicherheitsprofil und eine bessere Wirkung haben viel zu selten verschrieben."

Diskriminierung durch rechtliche Bestimmungen

Wie Gutierrez betont zeigt sich die ablehnende Einstellung der Öffentlichkeit und der politischen Entscheidungsträger gegenüber den betroffenen PatientInnen ganz deutlich in rechtlichen Bestimmungen und in der Auslegungs- und Durchführungspraxis von Rechtsnormen. Zwar ist etwa im Sozialversicherungsrecht grundsätzlich auch die Rehabilitation psychisch Kranker vorgesehen, doch fehlen für diesen Bereich im Gegensatz zu körperlichen Erkrankungen Durchführungs-richtlinien. Gutierrez: "Immer dann, wenn nach der akuten Behandlungsphase zur weiteren Stabilisierung zusätzliche, aber der Dichotomie "gesund-krank" scheinbar widersprechenden Behandlungsschritte unternommen werden, sind psychisch Kranke benachteiligt. Komplementäre Einrichtungen vergleichbar denjenigen, die somatisch Kranken zur Verfügung stehen, gibt es für psychisch Kranke kaum, Kur- und Rehabilitationsaufenthalte werden erst gar nicht angeboten. Bei der Rehabilitation wird häufig auf die angeblich insgesamt nicht sehr günstigen Erfolgsprognosen bei psychisch Kranken verwiesen. Vergessen wird dabei, dass diese ungünstige Prognose aber zumeist von der mangelnden und nicht den Bedürfnissen der Patienten angepassten Infrastruktur und mangelnden Finanzierung bestimmt wird. Die Folge sind Frühpensionierungen, Invaliditätspension und Aussteuerung, die zu materieller, sozialer und leistungsmäßiger Verelendung führen."

Psychisch Kranke haben, so die Psychiaterin, Anspruch auf eine zumindest teilweise Refundierung von Psychotherapie durch die Krankenkassen. Viele Patienten sind aber aufgrund ihrer geminderten Erwerbsfähigkeit dann gar nicht in der Lage die oft beträchtlichen Selbstbehaltkosten zu leisten und bleiben somit von dieser Behandlungsmethode ausgeschlossen.

Gutierrez: "Hinsichtlich der Erfüllung von Patientenrechten und dem Recht auf Selbstbestimmung finden sich bei psychisch Kranken Unterschiede zu somatisch erkrankten Personen. Nicht nur ist die freie Wahl von Hilfsangeboten kaum gegeben, sondern es findet sich in praktisch allen Verträgen privater Zusatzversicherungen der Passus, dass Leistungen für psychische Störungen nicht bzw. nur in deutlich geringerem Umfang gewährt werden. Betroffen davon sind in der Regel die Gewährung von Taggeld für Krankenhausaufenthalte, Pflegeunterstützung aber auch Auslandsversicherungen und Reiserückholversicherungen."

Es fehlen Einrichtungen für psychiatrische Notfälle

Die falsche Vorstellung, dass Schizophrenie unbehandelbar und chronisch ist, widerspiegelt sich auch im Zivil- und Kirchenrecht, wo sich Bestimmungen finden, die im Falle einer psychischen Krankheit die Ehe für null und nichtig erklären, zeigt Gutierrez weitere rechtliche Diskriminierungen auf. Weiters werden im Unterbringungsgesetz, das Zwangaufnahmen regelt, solche Zwangsmaßnahme zwar als letzte Möglichkeit angeführt, wenn andere Interventionsmöglichkeiten nicht mehr zielführend sind. Die vom Gesetz verlangten weniger restriktiven Maßnahmen zur Vermeidung einer Unterbringung - also einer Zwangsmaßnahme - sind aber kaum oder nicht im benötigten Sinne vorhanden. So fehlen beispielsweise adäquate Einrichtungen für psychiatrische Notfälle.

Gutierrez fordert daher neue Standards bei der Vorbereitung von Gesetzen. Diese beinhalten die Beteiligung von PatientInnen, Angehörigen und ExpertInnen, eine regelmäßige Evaluierung und ein Monitoring der Auswirkung von Gesetzen sowie die Zunahme der Betonung von Behandlungs- und Rehabilitationsaspekten und die Abnahme der Betonung von Gefährlichkeitsaspekten.

(Fortsetzung)

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Univ.-Prof. Dr. Karin Gutiérrez-Lobos,
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