"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Zu gut für Mandat"

Von Monika Dajc

Innsbruck (OTS) - Natürlich gibt es für Österreich viel wichtigere Fragen. Aber wenn es sich der Wiener SPÖ-Spitzenkandidat Wolfgang Petritsch noch einmal in aller Ruhe überlegen will, ob er geruht, sein Mandat anzunehmen, dann wird ein ärgerliches Problem auf neue Weise aktuell: Überheblichkeit und Unredlichkeit in der Politik. Dass sich Spitzenkandidaten nach geschlagener Wahl anders besinnen, war bisher beargwöhnte Spezialität der FPÖ. Im Gemeinderatswahlkampf 2001 tourte Helene Partik-Pable mit vollmundigen Versprechungen durch Wien. Nach der Wahlschlappe kam dann die knappe Wortmeldung der Ex-Spitzenkandidatin, sie bleibe doch lieber im Parlament. Wählerinnen und Wähler durften sich wundern oder ärgern. Petritsch wurde mit viel Aufwand und großen Worten als eine von Gusenbauers Lichtgestalten in Szene gesetzt. Flott formulierte der bisherige UNO-Botschafter in Genf, welches Themen intensiver außenpolitischer Diskussionen in Österreichs Parlament und darüber hinaus sein könnten. Viel hatte der einstige Kreisky-Adlatus vor. Doch daraus könnte jetzt wenig oder eben gar nichts werden. Petritsch war offenbar ganz auf einen Sieg von SPÖ und Grünen eingestellt, hatte den Posten des Außenministers im Auge. Die Arbeit eines einfachen Abgeordneten, so darf man die jüngsten Andeutungen interpretieren, möge gefälligst jemand anderer machen. Exzellenz zieht es vielleicht doch vor, nach der Wahlkampf-Karenz an der Stätte des bisherigen diplomatischen Wirkens zu bleiben. Am kommenden Wochenende will sich Petritsch gegenüber Gusenbauer und dem Wiener SPÖ-Chef Häupl erklären. Beide können dann vermutlich in neuer Schärfe über Sinn und Unfug von Lichtgestalten nachdenken. "Weil jeder Mensch zählt", lautete ein SPÖ-Slogan. Was aber dann, wenn der Mensch zu Überheblichkeit neigt, beim Dienst an Österreich vor allem an sich denkt?

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