"Die Presse" - Kommentar: "Danke, Susanne!" von Hans Werner Scheidl

Ausgabe vom 2.12.2002

Wien (OTS) - Sie war eine erfreuliche Erscheinung in der
heimischen Politik. Ab sofort wird man von ihr in der Vergangenheitsform sprechen müssen, denn Susanne Riess-Passer hat zum letztenmal und unmißverständlich dargetan, daß sie von der Politik ein- für allemal genug hat. Nichts und niemand wird sie wohl von dieser Entscheidung abbringen können. Und man darf hinzufügen: Man versteht's.
Wenn eine Beziehung zu Ende geht, dann offenbart sich der Charakter zweier Menschen oft viel deutlicher als in den vielen Jahren des Zusammenlebens. Das einstige gehätschelte liberale Aushängschild der FPÖ, Heide Schmidt, konnte nach der tiefen Enttäuschung über den Narziß Jörg Haider nicht anders, als ihm im TV-Studio wenigstens einmal noch die Meinung so richtig hineinzusagen. Nicht so Riess-Passer. Sie wolle versuchen, sagte sie am Samstag, "das mit Anstand zu machen, damit man sich die guten Zeiten in Erinnerung halten kann. Das ist der Grund, warum ich keine öffentliche Abrechnung mache, keine Schuldzuweisung. Wir haben einen sehr guten erfolgreichen Weg sehr lange gehabt - aber irgendwann ist das zu Ende."
Man wird der noch amtierenden Vizekanzlerin für diese noble Haltung Dank wissen. Denn sie ist absolut nicht selbstverständlich in der Politik, wo sich "Parteifreunde" oftmals als die viel ärgeren Feinde entpuppen. Es kam nicht von ungefähr, daß sie im September Applaus von allen Fraktionen des Hohen Hauses bekam, als sie sich von den Parlamentariern verabschiedete. Und der Beifall erfolgte ausnahmsweise nicht nach dem Motto: Nur eine politisch tote FPÖ-Chefin ist eine gute.
Beim Sonderparteitag am kommenden Sonntag wird sie gar nicht mehr auftreten. Das ist klug von ihr. Warum sollte sie - einmal fest entschlossen - bei den Delegierten falsche Hoffnungen nähren?
Mit dem gewiß vorhandenen Trennungsschmerz von ihrem Lebensmenschen Jörg Haider kann diese Frau offensichtlich sehr gut umgehen. Alle Giftpfeile, die ihr ein frustriertes Rumpelstilzchen aus Kärnten noch hinterdrein schoß, sind an ihr abgeprallt. Offenbar lebt sich's mit Humor wirklich besser - vor allem in der männerdominierten heimischen Politik.

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