Aktionsradius Augarten präsentiert "Flüchtlingskinder"

Wien (OTS) - Lange Zeit über waren die Erinnerungen an die Mazzesinsel, die bis etwa 1938 die Bezirke Leopoldstadt und Brigittenau umfasste, im Gedächtnis der Stadt kaum gefestigt. Lokale Forschungsprojekte, publizierte Erinnerungen, Kulturveranstaltungen und Gesprächsrunden, die sich mit dem jüdischen Leben in diesen beiden Bezirken beschäftigten, haben daran einiges verbessern können:
Die "Mazzesinsel" ist wieder ins Gedächtnis Wiens zurückgekehrt. Am kommenden Montag werden die Erinnerungen von Claire Felsenburg "Flüchtlingskinder" am Gaußplatz der Öffentlichkeit unter Anwesenheit der Schriftstellerin Elfriede Jelinek, der Nichte Felsenburgs, vorgestellt.

Ärmliche Verhältnisse in der Brigittenau

Das von der Theodor Kramer-Gesellschaft und dem Aktionsradius Augarten herausgegebene Buch "Flüchtlingskinder" erzählt die Familiengeschichte der Familie Sontag nach. Im Mittelpunkt der Erinnerungen steht die Mutter von Claire, Jetty Sontag, die unermüdlich für ihre schlussendlich fünf Kinder bis zu ihrem Tod im KZ Auschwitz gesorgt hat. Wesentliche Teile des Buches beschäftigen sich mit dem Leben in Wien auf der "Mazzesinsel". Claire Felsenburgs Rückblicke, die sie im Rahmen eines vom Jewish Welcome Service organisierten Wien-Besuches den Herausgebern im Jahr 2000 übergab, geben Einblick in das Leben einer ostjüdischen Familie auf der Flucht. Aus Lemberg stammend, flieht die Familie kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs aus Galizien über Budapest nach Wien, wo sie unter großen Entbehrungen in der Brigittenau, nahe dem Augarten bescheidene Unterkunft finden. Sogleich eröffnet die sehr sozial eingestellte Jetty Sontag eine Armenausspeisung, später bringt sie ihre Familie als Schneiderin durchs karge Leben. Interessanterweise spielen politische Geschehen in den Erinnerungen Felsenburgs eine sehr untergeordnete Rolle, es überwiegen innerfamiliäre Vorkommnisse in all ihrer Dramatik für die Betroffenen. Mit dem Augarten verbindet Felsenburg besonders positive Erlebnisse einer geglückten Kindheit unter an sich widrigsten Umständen.

Unaufgeregter Stil über aufregende Zeiten

Der Erzählstil von Claire Felsenburg gibt sich zurückhaltend, ja nahezu vornehm. Vielleicht liegt es genau an diesem unaufgeregten Stil, der in Summe die Erinnerungen umso tragischer, schmerzvoller erscheinen lässt. Es sind Bilder einer netten, gut erzogenen Familie aus Galizien, die ungemein tüchtig und fleißig sowohl den Widrigkeiten des Alltags, wie auch den politischen Ereignissen stand hält, dabei immer Anstand und Würde behält. Lohnenswert sind die "Flüchtlingskinder" als Lektüre aber auch deswegen, weil sie einen guten Einblick in das ehemalige Alltags-Wien der "kleinen Leute" geben: Etwa als der Vater, um die Rettung für eines seiner Kinder zu benachrichtigen, spätnachts auf die Strasse rennt, um ein Telefon ausfindig zu machen, oder der Gang zur Pfandleihanstalt, die Erinnerungen an städtische Figuren wie die des Laternenanzünders, Pferdefuhrwerkers und Mistbauern. Im Jahr 1936 heiratet die Verfasserin den Journalisten Walter Felsenburg. Nach dem März 1938 flieht die restliche Familie - Vater und Mutter hatten sich bereits Jahre früher geschieden, Jetty Sontag heiratete ein zweites Mal -nach Brüssel, im Jahr 1944 wird Jetty Sontag mit ihrer Tochter Charlotte verhaftet und ins KZ Auschwitz gebracht, wo die Mutter stirbt, die Tochter hingegen überlebt. Die Autorin lebt zusammen mit ihren Mann zuerst in der Schweiz, später in Großbritannien. Im Jahr 1948 wandern sie in die USA aus. In ihren letzten Zeilen schreibt sie: "Es war um Mitternacht, ein Meer von Lichtern und kleinen Booten schienen die Ankunft des dänischen Schiffes Batory willkommen zu heißen. Sie waren überrascht und erstaunt, die Freiheitsstatue mit hoch erhobener, hell erleuchteter Fackel großmächtig vor sich zu sehen. Die ewigen Wanderer sollten nun endlich zur Ruhe kommen." Im Sommer des heurigen Jahres verstarb Claire Felsenburg in Denver (USA).

o Termin: Montag, 2. Dezember
Ort: Aktionsradius Augarten (20., Gaußplatz 11)
Beginn: 19.30 Uhr
http://www.augarten-kultur.at/
Der Eintritt ist frei.

(Schluss) hch

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