"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Seine Stunde schlägt" (Von Günther Schröder)

Ausgabe vom 27. November 2002

Innsbruck (OTS) - Wolfgang Schüssel hat sich im Wahlkampf wohl gefühlt, doch jetzt ist er richtig in seinem Element: Der Poker um eine Regierung liegt ihm mehr als sonst etwas. Schon 1995 zog er Franz Vranitzky in den Koalitionsgesprächen buchstäblich aus - was ein Magazin dazu bewog, in Anlehnung an der Geschichte von des Kaisers neue Kleider einen nackten Kanzler abzubilden. Doch das war nur das Gesellenstück: Vom Oktober 1999 bis zum Februar 2000 pokerte sich Schüssel als Dritter von der Opposition ins Kanzleramt - und Jörg Haider ins Kärntner Ausgedinge.

Diesmal sollte man meinen, dass er es etwas leichter hat:
Zumindest das Endergebnis - sein Verbleib am Ballhausplatz - steht jetzt schon fest. Nur: mit welchem Partner? In der ÖVP wurde die Parole ausgegeben, man wolle mit allen reden. Die Absicht ist klar:
Durch Ausspielen der drei Parteien gegeneinander soll inhaltlich möglichst viel herausgeholt werden. Und: Ein Scheitern der Gespräche soll schon jetzt der jeweils anderen Seite zugeschoben werden.
Doch bei allen Beteuerungen, wonach alles offen sei, scheint sich schon eine Richtung abzuzeichnen. Die ÖVP wird zwar noch in dieser Woche mit dem bisherigen Partner FPÖ reden, lieber ginge man aber mit der SPÖ zusammen. Das hat mehrere Gründe: Zum einen ist die FPÖ nach wie vor ein unsicherer Kantonist und Haider immer noch da. Da die Grünen thematisch und klimatisch einfach zu weit entfernt sind, bliebe die SPÖ. Was für Schüssel mehrere Vorteile hätte. Der sachliche: Mit der SPÖ gäbe es eine Verfassungsmehrheit, große Reformen wären also zumindest theoretisch möglich. Der allzu menschliche: Jahrelang war die ÖVP aus Staatsräson als Zweiter in der Regierung gewesen und die SPÖ hatte den Kanzlerbonus lukriert. Die Rache wäre also süß. Man könnte die ÖVP-Vorliebe für die Sozialdemokraten allerdings auch so sehen: Schüssel hat jetzt die FPÖ in einer Koalition zu Tode geliebt, jetzt ist die SPÖ dran.

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