"Die Presse"-Kommentar:"Der Übertreiber seiner selbst" (VON MICHAEL FLEISCHHACKER)

Ausgabe vom 26. 11. 2002

Wien (OTS) - Jörg Haider hatte in seiner Zeit als erfolgreicher Politiker einen besonders gut ausgeprägten Sinn für das, was man neudeutsch timing nennt: Er wußte ganz genau, was er wann wo wie sagen oder tun mußte, um maximale Wirkung zu erzielen.
Mit dem Eintritt in die Schlußphase seines politischen Wirkens - das ist jetzt ungefähr zweieinhalb Jahre her - machten sich bei dem Mann, der eineinhalb Jahrzehnte lang fast nach Belieben das innenpolitische Geschehen dominiert hatte, immer häufiger Rhythmusstörungen bemerkbar: Schrille Töne, hektische Gesten, peinlicher Gesamteindruck.
Die Kids, die vor 10 Jahren lustvoll gekreischt hatten, wenn "der Jörg" eine Disco im Kärntner Unterland heimsuchte, fragen heute betreten, was denn der alte Schrulli in der hippen Bude zu suchen habe. Wir werden eben, wie man so sagt, alle miteinander nicht jünger.
Wer Haider kennt, weiß, daß das Rücktrittsangebot, das der Kärtner Landeshauptmann gestern seiner Partei machen wollte, am Ende des Tages, nach Absolvierung der gut gelernten Unterwerfungsrituale, im Aufruf zum letzten Gefecht gegen Wolfgang Schüssel münden kann: Wer den Rücktritt verhindern will, muß mit in die Schlacht gegen Schüssel und die Neuauflage von Schwarz-Blau ziehen. Kann aber auch sein, daß er tatsächlich genug von der Politik hat, daß er einsieht, daß er mit dem Absturz der FPÖ von Platz eins auf Platz drei auch in seiner Wahlheimat Kärnten gescheitert ist, und sich deshalb mit dem historischen Bonus des zweimaligen Wende-Ermöglichers in die politische Rente verabschieden will.
Wie auch immer: Es handelt sich um die letzten Zuckungen des politischen Ungeheuers, das "Drachentöter" Wolfgang Schüssel (? Rudolf Burger) mit der einfachsten und wirkungsvollsten Waffe erlegt hat, die dem Politiker zur Verfügung steht: Er hatte - oder zeigte -keine Angst.
Haider kommt nicht mehr, sein endgültiges Aus als Politiker ist eine Frage der Zeit, vielleicht schon heute, vielleicht in ein paar Wochen, spätestens am Ender der Kärntner Legislaturperiode 2004. Vielleicht kann er die Neuauflage von Schwarz-Blau mit einer neuerlichen Volte noch verhindern. Dann wird die ÖVP warten, bis Hans Dichand, Thomas Klestil, Erwin Pröll und Michael Häupl die angeschlagene SPÖ in eine "große Koalition neu" geprügelt haben. Wenn er noch Reste von politischem Instinkt hat, wird Haider am Wahlabend gespürt haben, daß nicht einmal ein solcher Rückfall in die demokratiepolitische Steinzeit ihn wiederbeleben könnte. Der Fußballpräsident Haider kann nur noch den Fußballtrainer Trappatoni zitieren: Bin wie Flasche, leere, habe fertig.
Jörg Haider ist seinen politischen Weg, den Weg der Übertreibung, konsequent zu Ende gegangen: So wie er - und darin besteht sein dauerhaftes Verdienst - den Moder und die Fäulnis des sozialpartnerschaftlich verfilzten Systems durch seine Übertreibungen bis zur Kenntlichkeit entstellt hat, so macht er jetzt auch vor sich selbst nicht halt: Er endet als Übertreiber seiner selbst.
Für die Fortsetzung der schwarz-blauen Regierung, die wohl die vernünftigste Interpretation des sogenannten "Wählerwillens" wäre, ist Haiders vollständiger Abschied aus der Politik zwar die Voraussetzung, aber keine Garantie. (Daß Wolfgang Schüssel die Regierunsgbildung nicht leicht fällt, ist übrigens ein kleiner Hinweis darauf, daß er seinen Triumph nicht ausschließlich seiner schieren Brillanz, sondern auch dem einen oder anderen Taschenspielertrick verdankt).
Wenn Haider einmal wirklich "weg" ist, steht die FPÖ noch immer _ oder sogar erst recht - vor der Frage, wer oder was sie eigentlich sein will.
Das kann dauern. Aber Wolfgang Schüssel hat Zeit.

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