DER STANDARD-Kommentar: "Der Kampf um die Abgefallenen" (von Gerfried Sperl) - Erscheinungstag 23.11.2002

Entscheidend ist am Sonntag, wohin sich die ehemaligen FPÖ-Wähler wenden

Wien (OTS) - Eines der liebsten Spiele in diesem Wahlkampf war den Klatschspalten entlehnt: Wer legt sich mit wem ins Bett? Die Medien selbst wurden zum mobilen Stundenhotel. Tatsächlich geht es zunächst nur um eines: Wohin wenden sich die von Haider abgefallenen Wähler?

Spekulationen für die Zeit danach gehören in die Unterhaltungsbranche. Seriös sind sie alle nicht und daher keine Basis für Wahlentscheidungen. Wir wissen: Die politische Scheidungsrate ist überall in Europa hoch, die Ehestreitigkeiten von Schwarz- Blau haben der im Sommer zerbrochenen Koalition besonders zugesetzt.

Weshalb es nur eine einzige Variante gibt, die sicher nicht zum Zuge kommt: Rot-Blau. Und weshalb jeder Flirt mit taktischem Wählen nutz-und sinnlos ist. Die Art der nächsten Regierung ist noch ungewisser als der Wahlausgang.

Gewiss ist indessen, dass es die größten Wählerbewegungen der Zweiten Republik geben wird. Trotzdem ist es wahrscheinlich, dass es am Sonntag ein stinknormales Resultat geben könnte - jenes von Deutschland mit zwei Parteien um die vierzig Prozent und zwei um die zehn. Österreich würde damit den Ausreißer von 1999 wieder korrigieren, als ein Populist zu den erfolgsgewohnten Lagern aufgeschlossen hat.

Das Ergebnis könnte so normal sein, dass sich weder Rot-Grün noch Schwarz-Blau ausgehen und die Sozialpartner wieder das kriegen, was ihnen am liebsten ist und wovon sie seit Wochen immer heftiger träumen: eine Neuauflage der großen Koalition.

Das ist der große Unterschied zu Deutschland, wo durch das Wahlsystem kleine Koalitionen gefördert werden. Aus gutem Grund: CDU und SPD sind strikt gegen ein Zusammengehen der Großen, weil sie damit den außerparlamentarischen Populismus stärken würden. Auch in Österreich würde die Wiederkehr dieser Variante das neue Trampolin für Jörg Haider schaffen.

Wie also soll man wählen? Bitte nicht taktisch, sondern programmatisch. Aber hat man in diesen vergangenen Wochen irgendetwas von Programmen gemerkt? Ja, doch. Selbst in den TV-Diskussionen, die so hohe Einschaltziffern hatten, weil wir ein Theaterland sind. Die Botschaften kamen durch, obwohl die Politiker links und rechts vom Sportmoderator ein Stück Hahnenkamm-Rennen lieferten und gleichzeitig einen vorverlegten Villacher Fasching.

Gusenbauer würde das soziale Netz wieder enger ziehen, Schüssel macht es etwas auf. Die SPÖ ginge stärker auf gestaffelte Selbstbehalte, die ÖVP ist eine Partei der Gebühren. Die Sozialdemokraten würden ein höheres Budget- defizit riskieren, die Volkspartei nicht - auch wenn die öffentlichen Investitionen niedrig bleiben. Gusenbauer stellt sich ein Heer ohne, Schüssel eine Armee mit Abfangjägern vor. Bei den Grünen entscheidet man sich in fast allen Fragen für die naturnähere Antwort und minderheitenfreundliche Variante.

Bei Rot, Schwarz und Grün ist die EU-Erweiterung unbestritten, weil man dort weiß, dass die österreichische Wirtschaft diese Märkte braucht, um wieder in die Nähe eines dauerhaften Aufschwungs zu kommen. Bei den Freiheitlichen überwiegt die EU-Skepsis, weil Haupt & Co nur

bei den Erweiterungsgegnern auf nennenswerte Stimmengewinne hoffen können.

Wer letztlich siegt, Schüssel oder sein Herausforderer Gusenbauer, wird im Kampf um die von Jörg Haider freigesetzten Stimmen entschieden. Der Ausgang der Wiener Wahlen im Frühjahr 2001 spricht für Gusenbauer. Damals sind die sozial Schwachen tatsächlich zur SPÖ zurückgekehrt. Werden sie es diesmal wieder tun? Wie werden sich jene Aufsteiger in den über Österreich verstreuten Industriezentren verhalten, für die Haider zur großen Enttäuschung wurde? Für sie hat Schüssel den Frauenschwarm Karl-Heinz Grasser an seine Seite gezogen.

Hoffen wir auf ein klareres Ergebnis als ein zum Patt gewordenes Kopf-an-Kopf-Rennen. Eine politische Lähmung wäre die Folge.

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