DER STANDARD-Kommentar: "Ein fast perfekter Wahlkampf" - Erscheinungstag 21.11.2002

Mit Ausnahme der FPÖ lieferten die Parteien professionell saubere Arbeit ab

Wien (OTS) - Kaum Fehler im Wahlkampf: Selten haben, klammert man die FPÖ aus, die Parteien eine so professionelle Performance hingelegt. Dabei hätte es in der Anfangshektik nach dem Platzen der Koalition genug Gelegenheit gegeben, den einen oder anderen Bock zu schießen. Doch SPÖ, ÖVP und Grüne setzten ihre Konzepte kühl um und boten alles auf, um auch noch an die entlegensten Wähler-Randgruppen heranzukommen.

Noch nie traten auch die strategischen Überlegungen der Parteien in ihrer Personalwahl und in den Slogans so klar zu Tage wie diesmal. Die ÖVP konzentrierte sich von Beginn an darauf, möglichst viele Wähler der auseinander driftenden FPÖ in ihr Lager zu ziehen. Mit dem Kanzlerbonus und den bekannten Gesichtern des Regierungsteams ordnete man die ganze Kampagne dem Motto "Kontinuität und Stabilität" unter. Die Idee ging auf, wie sich bald zeigte, die vergrämten FP-Wähler wechselten laut Umfragen in weit stärkerem Maß zur ÖVP als zur SPÖ, und als Kanzler Wolfgang Schüssel auch noch FP-Finanzminister Karl-Heinz Grasser als Mitstreiter für die ÖVP gewinnen konnte, schien die Sache gelaufen.

Zurück in das Kopf-an- Kopf-Rennen fand die SPÖ ausgerechnet über eine bisher als Domäne Schüssels betrachtete Wahlkampfform: In der direkten TV-Auseinandersetzung mit seinem Herausforderer Alfred Gusenbauer sah der Kanzler ziemlich alt und müde aus. Auch das verweist auf die professionelle Arbeit hinter den Kulissen. Gusenbauer war in der Diskussion mit Schüssel nicht nur besser vorbereitet, er kam auch besser mit dem Medium zurecht und bei den Zusehern an - eine Wandlung, die ihm nach seinem ersten TV-Auftritt nicht zugetraut worden wäre, wo Gusenbauer gegen Herbert Haupt vergleichsweise hölzern wirkte. Da dürfte viel Schweiß im roten Trainingszentrum geflossen sein.

Schon zuvor hatte die SPÖ im Wahlkampf umzusetzen begonnen, was Gusenbauer im TV-Duell gegen Schüssel körpersprachlich zu vermitteln suchte: Angriffslust, Kompetenz und den Willen zur Macht. Mit der Präsentation überraschender Quereinsteiger wie Josef Broukal und Gertraud Knoll sowie des erfahrenen Diplomaten Wolfgang Petritsch bestimmte die SPÖ die mittlere Phase des Wahlkampfes. Auch diese Personalsignale waren leicht zu lesen und strategisch richtig gesetzt: Petritsch als Zeichen für eine international wahrgenommene Außenpolitik, Broukal als Quotenbringer schlechthin und Symbol für moderne Zeiten, und schließlich Knoll für das Gemüt, das "Menschliche": Das Motto "Auf den Mensch kommt es an" wurde im Gesamtdesign des Wahlkampfes bis ins kleinste Detail durchgezogen -bis hin zur pathetischen Ansage Gusenbauers, er sei ein einfaches Arbeiterkind, dem die Segnungen der Sozialdemokratie auf den höheren Bildungsweg geholfen hätten.

Zwischen den monolithischen Blöcken SPÖ und ÖVP positionierten sich die Grünen als die Partei, ohne die eine Wende der Wende nicht möglich sei. Alexander Van der Bellen als Zugpferd hatte sich ja schon in anderen Wahlkämpfen bewährt. Überraschend war, dass die Grünen draußen auf den Straßen und Plätzen besser ankamen als Van der Bellen im TV. Die richtige Folgerung daraus: Van der Bellen und sein Team werden noch einmal alle Bundesländer abklappern.

Pardoxerweise hat ausgerechnet jene Partei, die in den letzten Jahren ein in Österreich bis dahin ungebräuchliches, von US-Vorbildern abgekupferte Vermittlungsästhetik in die Wahlkämpfe eingeführt hatte, diesmal völlig unter. Von Beginn an unter Druck, war die Plakatierung des Gerade-nicht-mehr-Spitzenkandidaten Mathias Reichhold der Höhepunkt einer einzigartigen Pannenserie.

Bis zuletzt wurde der Wähler im Unklaren gelassen, ob die FPÖ nun in die Opposition oder in die Regierung will. Sie ist auch die einzige Partei, für die am Wahlabend nicht gelten wird, was für die anderen jetzt schon gilt: Die Wahlkampfstrategen werden diese Wahl nicht vergeigt haben.

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