DER STANDARD-Bericht: "Dorotheum verstärkt Provenienzforschung" - Erscheinungstag 19.11.2002

Rieger-Anwalt Harry Neubauer will die Ausfolgung des beschlagnahmten Bildes erwirken

Wien (OTS) - Martin Böhm, geschäftsführender Gesellschafter des Dorotheums, ist nun um Schadensbegrenzung bemüht: Er beauftragte am Montag einen Historiker, die Provenienz des Schiele-Gemäldes Bildstock, Häuser und Bäume, das, wie berichtet, beschlagnahmt wurde, lückenlos zu erforschen. "Ich nehme das nicht auf die leichte Schulter", so Böhm. Der Polizei gegenüber habe er den Namen des Einbringers bekannt gegeben.

Aufgrund der Nachfrage des Standard, ob nicht die Provenienz eines weiteren Schiele- Gemäldes fragwürdig sei, wur- de auch dieses zurückgezogen, bis Klarheit herrscht. Das Bild sollte am 4. Dezember in Wien versteigert werden. Zudem werde man, so Böhm, die Eigentumsverhältnisse von eingebrachten Kunstobjekten künftig noch genauer prüfen. Im Falle des Schiele-Gemäldes hätte man nicht wissen können, dass die Erben nach Heinrich Rieger, dem das Bild bis zum Jahr 1938 gehört hatte, Anspruch erhoben hätten. Schließlich habe man beim Art Loss Register nachgefragt.

Andrea Jungmann, Österreich-Chefin von Sotheby’s, teilt Martin Böhms Ansicht nicht: "Wenn uns dieses Bild angeboten worden wäre, hätte ich es sicher nicht angenommen. Aufgrund der Provenienz. Denn es ist bekannt, dass Heinrich Rieger, der im KZ ums Leben kam, eine bedeutende Kunstsammlung hatte, die von den Nationalsozialisten geraubt wurde."

Harry Neubauer, Anwalt der Erben, will eine Ausfolgung des Bildes an seine Mandanten erwirken. Ob eine Klage eingebracht werde, hänge davon ab, wie sich der Einlieferer verhalte. Dessen Namen hofft er durch Einsicht in die Gerichtsakten zu erfahren.

Erika Jakubovits, Executive Director des Präsidiums der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), bedauert, dass das Dorotheum bisher kein Interesse an einer Zusammenarbeit bezüglich der Aufarbeitung von Provenienzen und der NS-Vergangenheit des Auktionshauses zeigte. Es sei der IKG auch nicht gelungen, Infos über den Zwischenbericht für die Historikerkommission (HK) zu erhalten.

Eine Einsichtnahme gewährt Martin Böhm auch dem Standard nicht. Weil, wie er sagt, mit der HK vereinbart worden sei, diesen nicht publik zu machen. Eva Blimlinger, Mitglied der HK, widerspricht aber:
Die Kommission hätte zwar zugesagt, ihn nicht zu veröffentlichen. Dies gelte aber nicht für das Dorotheum, das ja den Bericht in Auftrag gegeben hatte. Mit dieser Aussage konfrontiert, sagte Böhm, dass man erst den Endbericht zu veröffentlichen gedenke. Er soll Ende 2003 vorliegen.

Das Archiv des Dorotheums über die NS-Zeit einzusehen, sei derzeit nicht möglich, da es eben von Historikern - die Namen will Böhm nicht nennen - bearbeitet werde. Die IKG hätte aber sehr wohl Zutritt zum Archiv gehabt. Auch würde ihr auf jede Frage Auskunft gegeben werden.

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