"Die Presse" Kommentar: "Irakische Tragödie" (von Christian Ultsch)

Ausgabe vom 15.11.2002

Wien (OTS) - Vorhang auf für den nächsten Akt im Bagdader Schauspiel. Iraks "weiser Führer" Saddam Hussein hat die UN-Resolution 1441 nach einem kleinen komödiantischen Intermezzo seines Parlaments zähneknirschend akzeptiert. Auf die Bühne treten nun die Waffeninspektoren und ihr schwedischer Anführer Hans Blix. Die weitere Handlung ist absehbar wie in einer griechischen Tragödie. Jeder ahnt, welche dramatische Wendung das Stück früher oder später nehmen wird. Vorerst ist der drohende Krieg abgewendet, aber eben nur vorerst. Die Amerikaner warten nur darauf, bis Saddam Hussein einen Fehler begeht. Die nächste Gelegenheit dafür bietet sich dem irakischen Diktator am 8. Dezember. Dann nämlich muß er eine vollständige Inventarliste seines Arsenals an Massenvernichtungswaffen vorlegen. Bleiben die Iraker jedoch bei ihren bisherigen Beteuerungen, müßten sie ein weißes Blatt Papier übergeben.
Saddam Hussein muß sich gut überlegen, welche Geheimdienstinformationen die USA haben könnten. Denn wenn er abermals falsche Angaben über seinen Rüstungsstand macht, wäre dies eine "schwerwiegende Verletzung" der UN-Resolution, zumindest für Amerikaner und Briten mithin ein klarer Casus belli. Die Inspektoren müßten nur ein, zwei Waffenverstecke aufdecken - und ein Krieg wäre unvermeidlich.
Saddam Hussein wäre aber auch schlecht beraten, wenn er wie in der Vergangenheit versuchte, die Arbeit der Waffenkontrollore zu behindern. Denn auch dies wertet der Sicherheitsrat als schwerwiegende Verletzung seiner Resolution. Und die US-Regierung hat wiederholt klargestellt, daß sie diesmal keine Nachsicht zeigen werde. Ein Fehltritt der Iraker - und die USA schlagen zu, auch ohne neues ausdrückliches UN-Mandat.
Schon hat UN-Generalsekretär Kofi Annan beklagt, daß die USA eine geringere Toleranzschwelle als andere Sicherheitsratsmitglieder hätten. Vor einem Militärschlag müsse es schon einen glaubwürdigen Beweis für irakische Obstruktion geben, sagte Annan. Was heißt geringe Toleranzschwelle? US-Präsident George W. Bush will "Null Toleranz".
Die USA machen kein Hehl daraus, daß sie von den UN-Waffeninspektionen nicht viel halten. "Reine Zeitverschwendung" -etwa in den Augen von US-Vizepräsident Dick Cheney. Und auch den Chefkontrollor, Hans Blix, betrachten die Amerikaner mit äußerster Skepsis. Richard N. Perle, einflußreicher Berater im Pentagon, erinnerte jüngst im britischen "Guardian" daran, daß der Schwede die Atomenergiebehörde in einer Zeit leitete, als der Irak in den 80er Jahren trotz regelmäßiger Inspektionen munter an Nuklearwaffen bastelte. Auch nicht unbedingt ein Glückwunschtelegramm für Blix und sein Team vor den schwierigen nächsten Wochen.
Apropos Zeitverschwendung: Die Zeit ist Saddam Husseins wichtigster Verbündeter. Der irakische Diktator setzt darauf, Zeit zu gewinnen. Das hat er unlängst in einem Interview mit einem ägyptischen Blatt ganz offen zugegeben. In Wirklichkeit kann er nur hoffen, daß ihm das Schicksal demnächst irgendeine Megakrise andernorts schenkt, um die Aufmerksamkeit der Amerikaner vom Irak abzulenken. Denn die UN-Resolution gibt ihm kaum Spielraum für Verzögerungstaktiken. Saddam Hussein hätte natürlich auch die Chance, die Flucht nach vorne anzutreten und sein Waffenarsenal tatsächlich schonungslos offenzulegen. Aber ein derartiger Offenbarungseid entspräche so ganz und gar nicht seinem von Großmachtphantasien getrübtem Charakterbild.

Es wird sich kaum verhindern lassen. In einem der kommenden Akte folgt die Peripetie: der Krieg. Wie aber die Tragödie nach Saddam Hussein weitergeht, weiß freilich niemand so genau.

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