"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Schüssels Spiel" (Von Michael Sprenger)

Ausgabe vom 13. November 2002

Insbruck (OTS) - Als Wolfgang Schüssel 1995 nach seiner Wahl zum Parteiobmann seinen Parteifreunden erklärte, er will Kanzler werden, klang es noch wie ein Witz. Fünf Jahre später war er es. Jetzt will Wolfgang Schüssel die ÖVP - nach über 30 Jahren - wieder zur stimmenstärksten Partei machen. Niemand lacht mehr. Man traut es ihm zu. Denn Schüssel ist und bleibt der gewiefteste Taktiker und begnadetste Spieler. Schon mit dem Bruch seiner blau-schwarzen Wende-Koalition gelang es ihm, die ÖVP von der dritten Position aus auf die Gewinnerstraße zu bringen. Jetzt, mit seinem Lockruf an FPÖ-Finanzminister Karl-Heinz Grasser, setzt er mit dem nun eingeschlagenen Schüssel-Grasser-Kurs zum Überholmanöver an.

Schüssel weiß, dass sein Manöver ein riskantes Unterfangen ist. Auch deshalb, weil es leicht zu durchschauen ist. Aber hatte er eine andere Wahl? Die rasante Talfahrt der FPÖ wurde für Schüssel immer mehr zur eigenen Überlebensfrage als Bundeskanzler. Er musste sich für den 24. November eine zweite Option schaffen. Und diese konnte nur große Koalition unter seiner Führung heißen. Nur so kann er Kanzler bleiben.

Überraschend war an der gestrigen Entscheidung Grassers also nicht so sehr dessen Ja zu Schüssels Angebot, sondern vielmehr die Tatsache, dass Grasser nicht aus der FPÖ austritt und auch nicht ausgeschlossen wird. So wie Jörg Haider nie ein "einfaches Parteimitglied war", so wird auch ein Grasser mit ruhender Parteimitgliedschaft nie ein "parteiunabhängiger Finanzminister" werden können. Das weiß auch die FPÖ. Deshalb bleibt die FPÖ trotz dieses Schachzugs jenes Mannes, den sie vor zweieinhalb Jahren zum Kanzler gemacht hat, überraschend ruhig. Die FPÖ verleugnet zwar ihre Selbstachtung, baut vielleicht auf den Mitleidseffekt, und schwächt so den Coup des Kanzlers ab. Die FPÖ will trotz alledem im Koalitionsspiel bleiben. So entsteht aus der Taktik Schüssels eine unerwartete Dynamik im Wahlkampf-Finale.

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