Oberösterreichische Nachrichten 13. Nov. 2002 "Dominanz für das Finish" von Josef Achleitner

Taktisch war das Spiel um die Zusage von Karl-Heinz Grasser, in einem Kabinett Schüssel II als parteiunabhängiger Finanzminister arbeiten zu wollen, klar Marke Schwarzer Kanzler. Grasser kann dabei nur gewinnen, auch wenn ihm das Wahlergebnis oder Koalitionsverhandlungen einen Strich durch die Rechnung machen. Er ist als in Europa anerkannter Minister einer wenig (oder: inzwischen wieder gar nicht) anerkannten Partei weiter im Spiel und kann auf diesem Parkett seiner eigenen Weste mehr Glanz als bisher verleihen. Das und die Gunst des Kanzlers für die Wahlhilfe kann nicht schlecht sein für die hoch angesetzten beruflichen Perspektiven des Blitzkarrieristen.
Für Schüssel bedeutete die seit Freitag die politische Debatte im Land dominierende (in Wirklichkeit eher rhetorische) Frage, ob Grasser das Angebot annimmt oder nicht, einen programmierten Glücksfall, der wahlentscheidend sein könnte. In den letzten zwei Wochen vor dem Urnengang treffen auch die vielen Unentschlossenen ihre Wahl. Wer, und das konnte man im September in Deutschland am Beispiel Gerhard Schröders deutlich beobachten, in dieser Zeit mit einem starken Thema die private und öffentliche Diskussion beherrscht, kann die entscheidenden Punkte machen.
Bis zur morgigen Fernsehdebatte mit Kanzlerkonkurrent Alfred Gusenbauer überdeckt das Thema Grasser die Angebote anderer Wahlkämpfer (und vor allem die derzeit schwer erkennbare Linie der SP). Ab dann, so lautet wohl das Kalkül der schwarzen Parteistrategen, geht Schüssel sowieso als erster Kandidat in die Endrunde. Denn der nie mit hohen Sympathiewerten verwöhnte Kanzler werde die Konfrontation klar gewinnen und Gusenbauer bis zum Wahltag in die Defensive drängen.

Die Sozialdemokraten werden mehr tun müssen als bisher, um den Trend umzukehren. Die seit mehr als 30 Jahren stärkste Partei Österreichs agiert merkwürdig verhalten, sie bleibt in ihrer Kritik an Schwarz-Blau grobflächig und unkreativ. Gusenbauer selbst ist als Herausforderer zurückhaltender, als ihm auch bei Wahrung der Form zustünde. Und die Quereinsteiger, die sein Kabinett des Lichts bilden sollen, wirken mehr gegen die potenziellen Koalitionspartner bei den Grünen als dort, wo die Stimmen für den Wahlsieg zu holen sind: bei den ehemaligen FP-Wählern, von denen viele aus dem sozialdemokratischen Milieu gekommen sind. Taktische Fehler Gusenbauers, wie die später wieder zurückgenommene Ablehnung einer Koalition, in der Grasser vertreten ist, sind da nicht hilfreich. Andererseits kann man trotz der hochgradigen Unsicherheit auch der Profis über das tatsächliche Meinungsbild der Österreicher noch immer davon ausgehen, dass der SP-Vorsitzende zwar als Person nicht erste Wahl als künftiger Kanzler ist, dass aber seine Partei nach wie stärker ist als die VP. Die müsste für den ersten Platz einen auf Bundesebene noch nie da gewesenen Erdrutschsieg schaffen. Einen solchen Sonderfall gab es nur in Kärnten, als es den Jörg Haider noch im Original gab.

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