DER STANDARD-Kommentar: "Tänzer mit Quote und Kalkül" (von Gerfried Sperl) - Erscheinungstag 13.11.2002

Auch wenn er nicht Minister bleibt - Grasser hat auf jeden Fall gewonnen

Wien (OTS) - Wolfgang Schüssel hat schon einmal mit einem "unabhängigen" Finanzminister operiert. Knapp vor dem Auseinanderbrechen von Rot- Schwarz im Jänner 2000 war das ein "letztes" Angebot der ÖVP an die SPÖ. Viktor Klima, zu diesem Zeitpunkt nicht mehr im Besitz der sozialdemokratischen Macht, wollte akzeptieren, die Partei, vor allem der heutige Rapid-Präsident Rudolf Edlinger, ließen ihn nicht. Das Spiel war aus.

Im Dezember, fast drei Jahre danach, könnte die SPÖ erneut mit dieser Variante konfrontiert werden. In einer ganz traditionellen Art. Über weite Strecken der "alten", von der Volkspartei geführten Groß- koalition bis 1966 wurde der Außenminister von der SPÖ gestellt, der Finanzminister von der ÖVP. Warum? Weil er in Österreich, gestützt durch die ziemlich einmalige Minister-Verantwortlichkeit, der zentrale Geldverteiler ist.

Diese Machtposition will Schüssel auch als eventuell Zweiter in einer Neuauflage der Regierungen Vranitzky und Klima nicht aufgeben. Da opfert er lieber die treue Benita im Außenressort. Umso mehr, als mit Wolfgang Petritsch zwar ein SPÖler, aber ausgewiesener internationaler Fachmann folgen würde.

Karl-Heinz Grasser wiederum muss nicht unbedingt Minister bleiben. Durch das Angebot Schüssels ist er im

internationalen Wirtschaftsgeschehen den braunen Ma-

kel losgeworden. Ein Wirtschaftsliberaler am rechten Flügel der Volkspartei, das ist er jetzt - geeignet für Positionen im Währungsfonds, in den Welt- und Entwicklungsbanken, in Vorstandsetagen. So viel zum ganz persönlichen Kalkül.

Die Quote, die Grasser bietet, die Einschaltziffern in Männer- und Frauenmagazinen, im Revuetheater, in Fernsehtalks mit dem Appeal des idealen Schwiegersohnes, spielt auf ÖVP-Seite eine große Rolle - doch noch den SPÖ- Kandidaten Alfred Gusenbauer überholen zu können, der nach ÖVP-internen Umfragen drei bis vier Prozent vor Schüssel liegt.

Ein gegenteiliger Effekt ist nicht auszuschließen. Wählerinnen und Wähler könnten, der Kasperliade überdrüssig, die Seiten wechseln: zu Gusenbauer und der SPÖ. Denn je öfter der ÖVP-Chef von "Ehrlichkeit und Offenheit" spricht, die aus dem Grasser- Wechsel strömten, desto stärker könnte bei vielen die Gewissheit wachsen, dass er vor der Wahl erneut ganz anders spricht als danach.

Daher ein vorsichtiger Ratschlag: Wählen Sie nicht nach Gesichtern und Köpfen. Wir wissen nicht, was darin wirklich vorgeht. Und ob es sie nach der Wahl auf der poli-

tischen Bühne überhaupt noch gibt. Besser ist, sich die (auch im Standard aufgelisteten) Programme genau anzuschauen. Sie wurden zwar nie ganz erfüllt - aber die Grundströmungen halten, wenn es um Wirtschaftsfragen geht, um die Bildungsreformen, um die Sozialpolitik, um die Probleme der Migranten.

Wofür Grasser gesellschaftspolitisch steht, jenseits seines Bekenntnisses zu Europa und Nulldefizit, ist schwer erkennbar. Die Performance dieses Tänzers auf dem Parkett der Wiener Politik folgt einer Choreografie, die ihn technisch bis zum vierfachen Axel führt. Das Publikum klatscht, ja umjubelt ihn. Die Volkspartei glaubt, einen neuen Star gewonnen zu haben, der später vielleicht, so raunt es aus den Kulissen, sogar einem Schüssel an der Parteispitze nachfolgen könnte.

Dieser Mann ist aber noch nie durch demokratiepolitische Vorstöße aufgefallen, geschweige denn durch publizistische. Sein Geschmack ist die Stange, nicht das Experiment. Sein Metier ist der Boulevard, nicht die Qualität. Mit dieser Liaison bewegt sich die ÖVP wieder einen Schritt weg von jener Tradition, die durch Namen wie Neisser, Busek und Riegler gekennzeichnet ist.

Irgendwer träumt jetzt von einem Schüssel-Grasser-Kurs, der Österreich aus dem Wirtschaftstal führen könnte. Vorbilder gibt es. Raab-Kamitz, Klaus-Koren und Kreisky- Androsch. Die missglückte Vorstellung von Schwarz- Blau berechtigt aber nicht zu solchen Hoffnungen.

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