"Die Presse" Kommentar: Geteilte Insel, geteilte Taktik (von Wolfgang Böhm)

Ausgabe vom 13.11.2002

Wien (OTS) - Die Chance ist da. Und sie ist faßbarer denn je:
Zypern, die seit 28 Jahren geteilte Insel, könnte wiedervereinigt werden. Der EU-Beitritt macht möglich, was seit Jahrzehnten versucht wurde - daß die Demarkationslinie wieder verschwindet, historische Fehler beseitigt werden. Mit dem umfassenden UN-Friedensplan könnte noch dazu jede Seite ihr Gesicht wahren. Denn es gäbe eine gemeinsame Präsidentschaft, eine geteilte Macht.
Doch wäre da nicht die politische Taktik: Denn sowohl die EU und ihr Mitglied Griechenland auf der einen als auch die Türkei auf der anderen Seite spielen ihr eigenes (falsches) Spiel. Brüssel suggeriert Ankara, daß ein Ja zur Wiedervereinigung eine Voraussetzung dafür ist, daß auch die Türkei selbst eine Beitrittsoption erhält. Ankara wiederum taktiert im umgekehrten Sinne und will erst seinen Segen geben, wenn es grünes Licht für den eigenen Beitritt erhält. So stehen sie sich gegenüber wie zwei balgende Widder kurz vor dem entscheidenden Stoß - versteinert in der Unfähigkeit zu einer gemeinsamen Lösung zu finden. Die EU - zumindest eine Mehrheit der Regierungen - meint es in Wirklichkeit mit der in Aussicht gestellten Aufnahme der Türkei gar nicht ernst. Ankara wiederum spielt mit den Interessen der Nordzyprioten, denen es aus taktischem Kalkül vorerst nicht ermöglichen möchte, was es selbst so gerne will: nämlich EU-Mitglied zu werden.
Wenn die Erweiterung der EU ohne Lösung des Zypern-Problems verstreicht, würde sich die Union zwar eine Menge Probleme mit den zerstrittenen Volksgruppen ersparen. Aber es wäre eine historische Chance vertan, daß die Union erneut ihre ureigenste Funktion erfüllt:
Die Verwirklichung eines Friedensmodells, in dem sich ehemalige Erzfeinde als wirtschaftliche und politische Partner wiederfinden. Erst spät zeigt sich nun, was es für ein Fehler war, der Türkei nicht früher eine klare Botschaft zu übermitteln. Endlich einzugestehen, daß dessen Beitritt auf Jahre hinaus unmöglich ist. Nun will Ankara mit Biegen und Brechen erreichen, was man ihr einst so unzweifelhaft, wenn auch unehrlich in Aussicht gestellt hat - und sei es zum Preis der zypriotischen Interessen.

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