"Armes Knittelfeld" von Andreas Schwarz

Ausgabe vom 11.11.2002

Wien (OTS) - Das hat sich Knittelfeld nicht verdient. Im September schon war der obersteirische Ort zum Waterloo für die FPÖ geworden. Deren Betonfraktion schaufelte ihrer Bewegung ebendort das Grab und beraubte die ÖVP ihrer ernstesten Konkurrenz. Und just in Knittelfeld versammelte jetzt Alfred Gusenbauer angesichts des Umfragenhochs der Schüssel-Partei sein Aufgebot des Lichts, um der Regierung in einem "Offenen Brief" die Leviten zu lesen und enttäuschten Blau- oder Schwarz-Wählern das Blaue vom Himmel zu versprechen.
Was heißt versprechen? Gusenbauer, Broukal & Co. "garantieren", und zwar nicht weniger als die "beste Gesundheitsversorgung", "sichere und stabile Pensionen", "Steuerentlastungen" und ganz nebenbei auch noch "Wirtschaftswachstum".
Letzteres hat nicht einmal der König der gebrochenen Versprechen, Deutschlands Bundeskanzler Gerhard Schröder, vor den Wahlen zu garantieren gewagt. Dafür fliegen ihm gerade seine sonstigen Versprechungen von damals um die Ohren, vor allem jene, daß es keine Steuererhöhungen geben werde, weil die konjunkturpolitischer Wahnsinn seien.
Eine Wahl und einen Kassasturz später ist alles anders, und die Deutschen fühlen sich geprellt ("Uns reicht's", titeln die Zeitungen angesichts der Belastungswelle, die auf die Bundesbürger zurollt). Und die rot-grüne Ehe ist erneuert, da kriselt's auch schon gewaltig:
So haben wir nicht gewettet, signalisieren die ersten Abgeordneten dem deutschen Regierungschef und drohen schon mit einem Ende der Koalition. Die wird schon noch ein Weilchen halten, zumindest bis zu den Frühjahrswahlen in Hessen und Niedersachsen - denn erst dann wird's mit den einschneidenden Maßnahmen wirklich losgehen.
Was das mit Österreich zu tun hat? Steuer- und sonstige Versprechen in wirtschaftlich harschen Zeiten sind wie die Zusicherung des Arztes an den Lungenkranken, morgen schon wieder rauchen zu dürfen. Er hört's vielleicht gerne, aber wenn er wirklich gesund werden will (oder sich an ähnliche Versprechen wie Vranitzkys Pensionstrick erinnert), vertraut er nicht auf Scharlatanerie. Nach dem Putsch noch ein unschöner Begriff fürs arme Knittelfeld.

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