Oberösterreichische Nachrichten 8. Nov 2002 "Der Weisheit letzter Schuss" von Meinhard Buzas

Seit gut einem Jahr wissen wir am Beispiel der Twin-Towers, dass die tödlichste Waffe der Welt ein Tapezierermesser ist. Die Konsequenz:
Spitze Gegenstände jeglicher Art dürfen weltweit nicht mehr an Bord eines Flugzeuges mitgenommen werden.
Seit Jahr und Tag erfahren wir in regelmäßigen Abständen, auch in Österreich, dass die Schusswaffe, die irgendwo zu Hause liegt, und sei sie auch fein säuberlich weggesperrt und sicher aufbewahrt, in extremen Fällen zum mehrfachen Mordwerkzeug werden kann. Bisherige Konsequenzen: schrittweise Änderungen und Verschärfungen des Waffengesetzes (samt Verbot von Pump-Guns). Gerade jetzt lebt Oberösterreich wieder im Schock nach einem familiären Blutbad, angerichtet mit einer legal erworbenen, den Gesetzesbestimmungen entsprechend aufbewahrten Pistole.

Waffengesetzgebung war und ist in den meisten Staaten Anlassgesetzgebung: Selbst im Land, das angeblich Gottes eigenes ist, also in den von Schießeisen nur so starrenden USA, haben Mehrfach-Amokläufe in Schulen zu einer leichten Einschränkung von Waffenerwerb und -besitz geführt. In Europa waren es durchwegs Wahnsinnstaten, die den Spielraum derer einengten, die meinten, Waffen besitzen zu müssen. In England, Deutschland, Frankreich, selbst der Schweiz, wo jeder Reservist seine Flinte daheim hat, errichteten die Gesetzgeber im Nachhang zu Massakern Hürden.
Die Diskussion ist auch eine politische: VP und FP in unserem Lande halten die bestehenden, in der Vergangenheit mehrmals verschärften Paragraphen (vom Psychotest bis zur falllweisen Kontrolle der sicheren Verwahrung) für ausreichend. SP und Grüne sind für totale Waffenverbote in privaten Haushalten.
Die Diskussion kreist aber auch seit langer Zeit um die immer gleichen Argumente. Waffen-Befürworter zitieren die Statistiken, laut denen nur ganz wenige Verbrechen mit legalen Waffen begangen werden, fordern den mündigen und waffenfähigen Bürger ein und weisen darauf hin, dass jeder, der sich ein Schießeisen für kriminelle Zwecke besorgen will, das problemlos auf dem schwarzen Markt tun kann.
Die Gegner haben nach jedem Fall, ganz besonders dem jüngsten in Natternbach, diese Tatsache auf ihrer Seite: wo Waffe, da latente Gefahr. Kein Schießprügel kann so sicher aufbewahrt werden, dass er nicht in falsche Hände gelangt. Es ist für zutiefst gestörte, verzweifelte oder kalt berechnende Täter ungleich leichter, schießend auf Distanz zu morden, als sich mit Axt, Messer oder Hammer die Hände blutig zu machen. Waffen zur Selbstverteidigung sind, ausgenommen speziell gefährdete Berufsgruppen, in Österreich nicht erforderlich.

Es gibt nur ein Entweder-oder: Das Totalverbot mit ganz wenigen Ausnahmen oder den erlaubten Waffenbesitz unter den bestehenden, vielleicht noch enger gefassten Auflagen.
Weil wir in Österreich sind, wird die jetzt zum x-ten Mal entfachte Diskussion wieder einschlafen. Bis zum nächsten Mehrfach-Mord.

Rückfragen & Kontakt:

Oberösterreichische Nachrichten

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PON0001