Tischrede von Bundespräsident Dr. Thomas Klestil anlässlich des Mittagessens für Alt-BP Prof. Dr. Roman Herzog am 31.Oktober 2002

Herr Bundespräsident, lieber Freund!
Verehrte Gnädige Frau, meine Damen und Herren!

Es ist für meine Frau und mich eine besondere Freude, heute einen lieben Gast in meinen Amtsräumen begrüßen zu können - und damit vor allem die Verbundenheit zum Ausdruck zu bringen, die dem Menschen Roman Herzog und seiner lieben Gattin gilt.

Dich, lieber Freund, in der geschichtsträchtigen Wiener Hofburg willkommen zu heißen, bedeutet mehreres:

Zum einen, in Dir einen Freund und Nachbarn zu begrüßen, der mit unserem Land auch persönlich auf das engste verbunden ist. Wie ich weiß, hast Du ja viele Verwandte, die Österreicher sind oder hier leben. Und als aktiver Bundespräsident - wie auch in den Jahren seither - hast Du Deine Urlaube immer wieder in Österreich verbracht - nicht zuletzt als treuer Stammgast der Salzburger Festspiele, wo wir uns wiederholt getroffen haben.

Mein herzlicher Gruß gilt aber auch dem exzellenten Juristen Roman Herzog. Du hast nicht nur wichtige rechtswissenschaftliche Arbeiten verfasst - Du hast auch als langjähriges Mitglied sowie Präsident des Bundesverfassungsgerichts - an rechtspolischen Weichenstellungen mitgewirkt, die auch bei uns von nachhaltiger Bedeutung sind. Ich erinnere nur an Entscheidungen über das Kernkraftwerk Brokdorf, die für viele Österreicher wichtig waren, an die Diskussionen über das Asyl - und Einwanderungsrecht oder an die rechtspolitischen Überlegungen zur Generalüberholung des Grundgesetzes. Wie Du weißt, beschäftigen auch wir uns seit langem mit Fragen der Grundrechte und der Bundessstaatsreform. Dazu kommt vor allem aber auch Dein Vorsitz zur Schaffung einer Europäischen Grundrechts-Charta.

Vor allem aber gilt mein heutiger Gruß dem deutschen Bundespräsidenten der Jahre 1994 bis 1999. In diesen Jahren des Zusammenwachsens von West und Ost hat Roman Herzog das Bild eines neuen Deutschlands in der Welt geprägt. Und in diesen Jahren bist Du zu einem leidenschaftlichen Anwalt des europäischen Einigungswerkes geworden.
Spontan hast du gleich nach Deiner Wahl im Jahre 1994 meine Einladung nach Alpbach in Tirol angenommen, wo ich mehrere mitteleuropäische Staatspräsidenten zu einem Nachbarschaft-Treffen eingeladen hatte. Es war auch Dir immer ein zentrales politisches Anliegen, dass das so überzeugende Friedensmodell der EU auch auf den Donauraum und Osteuropa ausgeweitet wird. So hast Du zusammen mit mir auch in den Jahren danach bei den zentraleuropäischen Präsidententreffen - in Südpolen, Ungarn, der Slowakei, Slowenien und der Ukraine - diesen Ländern eine "europäische Perspektive" vermittelt. Wohl deshalb bedeutet es wohl für uns alle eine besondere Freude und Genugtuung, dass in den nächsten Wochen die hoffentlich letzten Gespräche über die erste Runde der Erweiterung der EU abgeschlossen werden können.

Und schließlich gilt mein herzlicher Gruß am heutigen Reformationstag auch dem evangelischen Christen Roman Herzog: War doch der Anlass Deiner Reise in die österreichische Bundeshauptstadt die Teilnahme an einer Tagung der evangelischen Kirche. Zeit Deines Lebens bist Du vorbildlich zu Deinem Glauben gestanden und hast Dich für die Mitarbeit der mündigen Christen in der modernen Gesellschaft engagiert.

Lieber Freund!

Vor zwei Jahren hatte ich die Ehre und Freude, in der bayrischen Landeshauptstadt ein Buch über Dich vorzustellen. Bei dieser Gelegenheit habe ich in der Münchner Residenz festgestellt, dass es sowohl das unverkrampfte Verhältnis mit der Vergangenheit - wie die große Offenheit gegenüber der Zukunft sei, die Dich charakterisieren. Seither hast Du mehrmals bewiesen, dass Du recht behalten hast mit Deinen politischen Einschätzungen - aber dass es sich auch lohnt, seine Stimme zu erheben, sei es gelegen oder ungelegen. Und ich darf Dir versichern: Deine Stimme wird gehört, wo immer Du Dich auch zu Wort meldest.

So danke ich Dir vor allem für Deine Unterstützung und Hilfe für das "Projekt Europa" während und nach der Zeit Deiner Präsidentschaft; ich danke Dir zum zweiten für viele Zeichen Deiner Sympathie für Österreich; und ich danke Dir schließlich für Deine Freundschaft mir gegenüber.

Und wenn Du Dich seit 1999 für ein Leben im Unruhestand entschieden hast, so gratuliere ich Dir dazu. Möge Dir dafür der Herrgott weiterhin Kraft und Gesundheit schenken!

So erhebe ich mein Glas auf die gute Nachbarschaft zwischen unseren beiden Ländern, auf eine friedvolle europäische Zukunft und auf Dein persönliches Wohlergehen an der Seite Deiner lieben Frau!

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