"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Minderheits-Christen" (Von Peter Plaikner)

Ausgabe vom 31. Oktober 2002

Innsbruck (OTS) - Halloween ist in, der Weltspartag nur ein Auslaufmodell. Die Banken verlieren ihren 31. Oktober zusehends an den Einzelhandel. Doch am wenigsten Beachtung findet ein kirchliches Fest, das heute zu feiern wäre. Der Reformationstag erinnert immerhin 350.000 evangelische Österreicher an kleine christliche Unterschiede.

Gertraud Knoll ist keine Symbolfigur der Protestanten. Ihnen bleibt Trennung von Staat und Kirche selbstverständlich. Die Unvereinbarkeit politischer Funktionen gilt sowohl für gewählte und geweihte Amtsträger wie auch Laien in Leitungsfunktionen. Der Rücktritt der SPÖ-Kandidatin als evangelische Superintendentin war nicht Zeichen sondern Pflicht.

Umgekehrt verhält es sich mit der Versöhnungsaktion 318 Jahre nach Vertreibung der Lutherischen aus dem Defereggental. Ein solcher Auftritt der katholischen Kirche war überfällig. Doch dass Alois Kothgasser diese Geste gesetzt hat, ist persönliches Engagement.

Indirekt erinnerte der Bischof dadurch an die Ursache, warum heute bundesweit 4,7%, aber nur zwei Prozent der Tiroler evangelisch sind. Wie in Wien haben hier Muslime die 12.000 Protestanten auf Rang 3 verdrängt. Auch deshalb sind Signale wie jenes von Kothgasser zu selten. Sogar der Islamismus-Schock infolge des 11. September 2001 hat keine weitere Annäherung zwischen christlichen Kirchen gebracht. Dabei leiden nicht nur im deutschen Sprachraum Katholiken wie Protestanten an Mitgliederschwund. Längst sind Bekenntnislose die eigentlich zweitstärkste Glaubensgemeinschaft.

Ökumene bleibt vielfach auf Theologie und Gottesdienst-Rituale beschränkt. Mindestens so trennend ist gesellschaftliche Gewohnheit. Viele wichtige Verbände beharren auf katholischer Prägung und dulden bloß andere Konfessionen. In Tirol noch mehr als anderswo.

Für die Folgen dieses Systems ist Gertraud Knoll ein Symbol. Je christlicher (=katholischer) sich eine Partei in Österreich definiert, um so weniger kommen Protestanten in ihr weiter. Da hat die VP das größte Problem. Und die Evangelischen haben es mit ihr.

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