"Grundpfeiler der großen Koalition ist Untätigkeit"

Exklusiv-Interview mit Helmut Thoma, Ex-RTL-Boss und Medienberater von Wolfgang Clement, in der morgen erscheinenden 200. Ausgabe der Tageszeitung medianet.

Wien (OTS) - Helmut Thoma im medianet-Interview: "Was die Printmedien betrifft, ist Österreich sozusagen eine Kolonie Deutschlands. Die Medien gehören der WAZ, Gruner+Jahr und noch anderen, die da investiert haben. Bei den Regionalzeitungen gehört ein bisschen was dem Styria-Verlag in Graz. Aber die überregionalen Zeitungen sind weitgehend mit hoher deutscher Beteiligung.
Der ORF gehört der Republik Österreich, ist aber organisiert wie eine Anstalt öffentlichen Rechts nach deutschem Vorbild. Das war früher nicht der Fall. Früher war das eine GmbH, die den einzelnen Ländern gehört hat. Beeinflusst wird er natürlich von der jeweils regierenden Partei. Das ist überhaupt keine Frage, dass die den ersten Zugriff haben auf die Bestellung des Generalintendanten oder die Generalintendantin."

Thoma: "Was den Fernsehsektor betrifft: Da hat man richtig einen Fehler gemacht! Indem man das neue Mediengesetz für Privatfernsehen zugelassen und nicht mit einer starken Werbeeinschränkung des ORF verbunden hat, sondern den faktisch gelassen hat wie vorher. Damit ist der ORF wirklich so stark, dass sich daneben jeder sehr, sehr schwer tun wird. Da macht ja gerade der Herr Kloiber zusammen mit UPC einen eigenen Privatsenderkanal ATV - aber ein national weites Privat-TV wie ATV wird es sehr, sehr schwer haben, wenn man nicht den ORF zurückstutzt, indem man ihm etwas weniger Werbung zulässt, damit da eine Finanzierungsbasis für die Privaten gegeben ist. Sonst halte ich es für fast aussichtslos.
Was Ballungsraum-TV anbelangt: Wenn man es nach der Schweizer Form macht - ein Fernsehen mit der Hand gemacht, also ganz-ganz billig -, dann hat es vielleicht in Wien und Linz eine Chance. In Salzburg sehe ich es schon überhaupt nicht mehr."

medianet: "Welche medienpolitischen Weichenstellungen erwarten Sie von einem Regierungswechsel a) zu rot-grün, b) zu rot-schwarz?" Thoma: "Ein Regierungswechsel zu rot-grün würde eine Stärkung des Öffentlich-Rechtlichen bedeuten, obwohl man den gar nicht mehr weiter stärken kann. Zu rot-schwarz wird sich überhaupt nichts tun. Der Grundpfeiler der großen Koalition ist eben die Untätigkeit."

medianet: "Ist das neue ORF-Programmschema ein Schritt in Richtung öffentlich-rechtlicher Auftrag oder weitere Kommerzialisierung?" Thoma: "Ich sehe es eigentlich als weder-noch. Wenn es denn eine entscheidende Umstellung wäre. Man erfüllt das Gesetz, das eher ein bisschen stärker den öffentlich-rechtlichen Auftrag hervorhebt - aber ein richtiger Schritt in Richtung öffentlich-rechtlichen Auftrag ist es auch nicht; weil es weiter sehr kommerzielle Programmanteile haben wird."

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