"Die Presse"-Kommentar: "Erde an Van der Bellen: Bitte kommen!" von Michael Fleichhacker

Ausgabe vom 31.10.2002

Wien (OTS) - Alle mögen "Sascha": Der grüne Professor Van der Bellen ist ja auch wirklich lieb. Und vernünftig. Nicht aufgeregt. Sachlich. Nie polemisch, höchstens ein bissl ironisch. Angesichts vieler anderer Akteure, die sich während der vergangenen Jahre auf der politischen Bühne dieses Landes gezeigt haben, möchte man fast sagen: Nicht von dieser Welt.
Dienstagabend hat Alexander Van der Bellen in der TV-Auseinandersetzung mit dem amtierenden Bundeskanzler den Eindruck erweckt, daß dieser Befund auch auf sein politisches Denken auszuweiten ist. Dutzende Male während dieser TV-Konfrontation war man als Zuseher versucht, ihm zuzurufen: "Erde an Van der Bellen:
Bitte kommen!"
Ein Teil der eher suboptimalen Van der Bellen-Performance mag in der inneren Logik der Situation begründet sein: Mit Wolfgang Schüssel hatte er einen Gegner, der ihm rein fernsehtechnisch deutlich überlegen war. Schüssel läßt keinen Kniff aus, er drückt bedenkenlos auf die Pathostube, wo er es für nützlich hält, sieht den Bürgerkrieg heraufdräuen, wo er den Gegner damit in Verlegenheit bringen kann. Zur Not spielt er auch noch den spritzig-angriffigen Oppositionellen, obwohl er als Bundeskanzler am Tisch sitzt. Van der Bellen hingegen kann auch dort, wo er punkten könnte - etwa in der Asyldebatte - nur sich selbst spielen: Den netten Onkel.
Daß sein Problem eine Schicht tiefer liegt, zeigte die Diskussion über Bundesheer, Flutkatastrophe und Zivildienst: Van der Bellen ließ sich nicht nur in die Hochwasser-Falle stürzen, es wurde auch deutlich, daß Van der Bellens Forderung nach Abschaffung von Wehrpflicht und Zivildienst ein schwerer Fehler gewesen ist.
Der Umstieg von einem Miliz- auf ein Berufsheer mag zu argumentieren sein. Wer aber zugleich den Zivildienst als "Sklavenarbeit" bezeichnet und ersatzlos streichen statt vom reinen Wehrersatz- zum echten Zivildienst entwickeln will, hat ein Problem mit der Einschätzung des Verhältnisses zwischen Staat und Bürger. Wie kann man zugleich die fortschreitende Entsolidarisierung beklagen und erklären, der Staat solle sich das bissl Sozialdienst gefälligst selber bezahlen?

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