DER STANDARD-Kommentar: "Die Kopf-an-Kopf-Dramatik" (von Gerfried Sperl) - Erscheinungstag 31.10.2002

Ein Wahlkampf, der aussieht, als sei er von der Meinungsforschung inszeniert

Wien (OTS) - Seit Dienstagabend laufen die Grünen Gefahr, die ersehnten zehn Prozent Stimmenanteil und damit einen Zugewinn von drei Prozent der Wählerschaft am 24. November wieder einmal und trotz einer attraktiven Kandidatenliste nicht zu schaffen.

Ihre Kernschichten werden mit dem Professor Van der Bellen in der TV-Diskussion mit Wolfgang Schüssel zwar zufrieden gewesen sein. Ein intelligenter Gesprächspartner. Aber unter den rund 700.000 Zusehern werden viele zugeschaut haben, die letztes Mal nicht Grün gewählt haben und die heuer schwanken. Sollen wir, angesichts von Knoll und Broukal, nicht gleich die SPÖ wählen? Das fragen sie sich jetzt. Die Zahl der Ja-Entscheider wird wachsen. Umso mehr, als Van der Bellen nicht ein einziges Mal versucht hat, den dramaturgisch gut vorbereiteten Schüssel in Wirtschaftsfragen, der Kernkompetenz des Grünen- Chefs, anzugreifen.

Die andere Seite: Wie sich Herbert Haupt heute Abend gegen Alfred Gusenbauer "schlägt", ist noch ungewiss. Sicher ist, dass der FPÖ schon wieder ein Obmann abhanden gekommen ist. Nicht durch Rücktritt, sondern durch

eine politisch dramatisierte Krankheit. Mathias Reichhold dürfte die Grabenkämpfe nicht ausgehalten haben. Denn Handschlagqualität ist dann ein Problem, wenn sie die anderen in der eigenen Umgebung nicht haben. Und wenn eine Partei, ihrer Führerfigur entledigt, nicht mehr weiß, wo "der Bartl (und der Hias und die Magda) den Most holen", dann zerreißt es sie. Ein noch tieferer Absturz droht.

Davon profitieren Schwarz und Rot. Auf den neuesten Plakaten wird Wolfgang Schüssel als Fußballteamkapitän dargestellt. Man brauchte ihn nicht zu doublen, denn spielen, das kann er. Auch Alfred Gusenbauer zeigt mehr, als man ihm zugemutet hat. Der sozialdemokratische Wahlkampf hat an Dynamik zugelegt.

Die Nominierung von Wolfgang Petritsch, Josef Broukal und Gertraud Knoll ist eine Öffnung der SPÖ, die anders als zu Wahlzeiten nicht gelungen wäre. Etlichen jener Politikbeobachter, die das Funktionärswesen und die Ochsentouren kritisieren, ist die Öffnung ebenso wenig recht. Jetzt verlangen sie nach dem Eigenbau, an dem sonst viel zu viel Stallgeruch haftet. Die Wirklichkeit ist erfreulich: Alle drei Neuen in der SPÖ sind natürlich keine Quereinsteiger, auch wenn sie in den Medien so verkauft werden. Petritsch war jahrelang erfolgreicher De-facto-Gouverneur von Bosnien, Broukal war ein hochpolitisierter TV-Moderator und die Frau Bischöfin eine Präsidentschaftskandidatin. Allesamt sind sie Profis der Mediengesellschaft.

Diese Faktoren ergeben in den Meinungsumfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das fast so wirkt, als wäre es eine Inszenierung der Meinungsforscher selbst. Nicht abwegig. Aber die haben natürlich alle nur möglichen wissenschaftlichen Hebel in Bewegung gesetzt, um die Wählerschaft mit einem objektiven Meinungsbild zu versorgen. Hoffentlich trügt es nicht.

Denn die ÖVP müsste gegenüber der Nationalratswahl 1999 um zehn (!) Prozent zunehmen, die SPÖ nur um vier, damit sie auf jene 37 Prozent kommt, die dieses nervenzerfetzende Match ergeben. Darauf und auf die neuesten "Geheimpläne" (die wievielten?) in News hat ganz Österreich begierig gewartet.

Derzeit sieht es so aus, als würden sich sowohl Rot-Grün als auch Schwarz-Blau ganz knapp nicht ausgehen. Schwarz-Grün auch nicht.

Aber wenn sich’s ausgeht? Mit Schwarz-Grün zum Beispiel? Van der Bellen musste sich gegen Schüssels Avancen fast schon wehren. Diese Töne sind in der Volkspartei ziemlich neu. Für den schwarzen Bundeskanzler sind die Grünen zwar mehrheitlich Linksradikale und Steinewerfer, aber um an der Macht zu bleiben, würde er offenbar sogar mit ihnen koalieren.

Erstaunlich? Nein, überhaupt nicht. Er ist ja auch mit einer Partei zusammengegangen, in der es tatsächlich frei herumlaufende Radikale gibt. Nur rechte halt.

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