"Kleine Zeitung" Kommentar: "Knoll-Effekt" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 30.10.2002

Graz (OTS) - Mit weidmännischem Stolz stellte Alfred Gusenbauer sein jüngstes Beutestück in die Auslage. "Mutter Courage" nannte der Parteiobmann Getraud Knoll im Überschwang. Der Vergleich geriet leider zum Brecht-Mittel, denn die literarische Frauenfigur, mit der Gusenbauer seine Neuerwerbung gleichsetzte, war eine geschäftssüchtige Kriegsgewinnlerin, eine "Hyäne des Schlachtfeldes", wie sie deren Schöpfer, Bert Brecht, beschrieb. Frau Knoll wird sich bedanken.

Was Gusenbauer trösten mag: Der Schnitzer wird ebenso wenig wahlentscheidend sein wie Gertraud Knoll. Sie ist als feurige Wende-Gegnerin politisch klar verortet. Sie ist ein Signal an die Frauen, stillt das Bedürfnis nach Sozialromantik, aber in das Territorium der ob dachlosen FPÖ-Wähler, die es zu binden gilt, wird sie kaum hineinstrahlen, dafür umso greller in das rot-grüne: Ein klarer Fall von Auto-Kannibalismus.

Dramaturgisch war es dennoch ein ziemlicher Knoll-Effekt. Die Partei, die so komatös begann, bestimmt zunehmend die Dynamik dieses trägen Wahlkampfes. Man spricht über sie. Spricht man über die ÖVP? Sie beschränkt sich darauf, ihre Solidität zu beschwören, und vergisst, dass die einen Zwillingsbruder hat die Fadesse. ****

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