Neue "KÄRNTNER TAGESZEITUNG" - Kommentar: Attraktive Bewegung (von Manfred Posch)

Ausgabe vom 30. Okt. 2002

Klagenfurt (OTS) - Der Nationalratswahlkampf tönt achtbar dahin. Die an vorderster Front agierenden Hauptdarsteller unterlassen tunlichst den Griff in die Schatulle der Grauslich- und Ungeheuerlichkeiten. Einer der Gründe dafür, dass bislang keine Eskalation verabscheuungswürdigen Formats erfolgte, mag daran liegen, dass die Freiheitliche Partei fast schon als gegenstandslos zu betrachten ist.

Die Wähler nehmen das Ausbleiben letztklassiger Taktiken dankbar-gelassen zur Kenntnis - und staunen doch über attraktive Bewegung. Über originelle Einfälle, deren Copyright mit Gusenbauer in Verbindung steht. Als weitere Überraschungskandidatin präsentierte das rote Lager gestern die evangelische Superintendentin Gertraud Knoll. Sie soll Gusenbauer "Kabinett des Lichts" weiteren Glanz zuführen und im Falle eines SP-Wahlerfolges als Staatssekretärin ins Sozialministerium einziehen.

Mit der von cleveren Strategen als "Mutter Courage" apostrophierten, mit dem Rang eines evangelischen Bischofs ausgestatteten 43-Jährigen setzt Gusenbauer seine Quereinsteiger-Rallye markant-rasant fort: Nach dem in aller Welt geachteten Diplomaten Petritsch und dem anerkannten ORF-Moderator Broukal nun also die dritte, hochgradig auffällige Rekrutierung.

Gewiss: Gertraud Knoll ist keine lupenreine Quereinsteigerin. Sie verfügt über Erfahrung als Präsidentschaftskandidatin (erreichte 1998 gegen Thomas Klestil, Heide Schmidt und Richard Lugner immerhin 13,5 Prozent) und war Mitinitiatorin des Sozialstaatsvolksbegehrens. Ihr Engagement für sozialdemokratische Anliegen darf dessen ungeachtet als herbstlich-bunter Polit-Coup betrachtet werden.

Dass es sich bei Knoll um eine Person handelt, die - in sämtlichen politischen Lagern - unterschiedliche Beurteilung erfährt, macht die Kandidatur der geborenen Linzerin noch spannender. Nachdem sie im Februar 2000 die blau-schwarze Bundesregierung kritisiert hatte, war sie üblen Anfeindungen ausgesetzt. Insbesondere die FP brachte schwere (Emotions-)Geschütze gegen die Mutter dreier Kinder in Stellung. Dieselbe Partei ist nun krampfhaft darum bemüht, eben auch eine "Lichtgestalt" zu gewinnen. Gemeint sind Verhandlungen mit einer politischen Zwerg- und-"Seitenblicke"-Maus, nämlich Baumeister Lugners "Mausi". Erstaunlich sanft kommentiert wird die Knoll-Causa von der Volkspartei. Sich darüber zu wundern, wäre allerdings ein Luxus, hat doch 1995 Wolfgang Schüssel versucht, die Theologin für die VP zu gewinnen...

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