"Die Presse" Kommentar: "Der Unverwundbare" (von Andreas Schwarz)

Ausgabe vom 30.10.2002

Wien (OTS) - Der US-Präsident verkehrt mit ihm per "mein Freund Wladimir". Der deutsche Kanzler tut alles, um durch besonders intensiven Kontakt zu ihm das innige Verhältnis Kohl-Jelzin vergessen zu machen. Und der österreichische Bundespräsident überschlägt sich in Freude über die private Freundschaft zum russischen Herrscher:
Wladimir Putin hat, so scheint's, seit seinem Amtsantritt vor zweieinhalb Jahren die Welt nach allen Regeln der Kunst eingekocht. Daß der frühere Geheimdienstmann eigentlich über einen brutalen Krieg im eigenen Land an die Macht gekommen ist, daß er Kälte und Kalkül nicht nur ausstrahlt, sondern gnadenlos einsetzt, daß Rußland unter seiner Herrschaft eher Schritte zurück ins kontrollierte System als in Richtung weiterer Öffnung unternommen hat, ficht niemanden seiner Bewunderer an: Na ja, manchmal brauche es eine starke Hand, aber sonst ist Putin doch ein moderner und aufgeklärter Politiker, nicht wahr?
Jetzt hat der aufgeklärte Politiker das tödliche Geiseldrama in Moskau zum Anlaß genommen, in Tschetschenien eine neue Offensive zu starten (und mit ihr die Menschenrechtsberichte über die russischen Untaten ebendort zu übertönen). Aufschrei aus dem Westen muß er keinen gewärtigen. Der war schon bisher in Sachen Tschetschenien sehr zurückhaltend (nur nicht den neuen russischen Bären verärgern), und seit dem 11. September und dem russischen Einverständnis für den internationalen Kampf gegen den Terror hat der russische Präsident ohnehin Narrenfreiheit.
Blutige Unterdrückungspolitik im eigenen Land? Vielleicht, aber wer wollte ihm in Zeiten wie diesen den Kampf gegen den Terror daheim vorhalten? Und außerdem: Vielleicht winkt als Lohn für die Zurückhaltung ja doch noch die Zustimmung Rußlands für ein Irak-Abenteuer.
Nein, da hat Putin eher an der Heimatfront zu kämpfen, als daß er vom Ausland etwas zu befürchten hätte. Und selbst an der hat er schon schlimmere "Pannen" als die blutige Geiselbefreiungsaktion _ etwa die Kursk-Katastrophe _ unbeschadet überstanden. Unverwundbarkeit und Blendung _ vielleicht lernt man das ja beim Geheimdienst.

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