Ungekränkt von Neuem: Neues Buch über Geschichte Wiens erschienen

Jean Paul Bleds Wien-Studie liefert empfehlenswerte Landeskunde, jedoch keine nennenswerte neue Stadt-Theorie

Wien (OTS) - Das Vorhaben klingt gewaltig: Wiens Geschichte von seinen Anfängen bis in die Gegenwart. Jean Paul Bled, Professor für Geschichte an der Pariser Sorbonne, ist dabei nicht gescheitert. Wesentliches vorangebracht, ist hierbei aber auch nicht. Sein Buch "Wien. Residenz, Metropole, Hauptstadt" hält, was es verspricht, nämlich das Werden einer bedeutenden mitteleuropäischen Stadt nachvollziehbar gemacht zu haben und dies auch noch in einem gut lesbaren Stil. Bled, der sich bereits früher schon mit der Geschichte Österreichs, insbesondere mit dem 19. Jahrhundert, auseinandergesetzt hat - so liegt etwa eine Biographie über Kaiser Franz Joseph von ihm vor - entwickelt ein handfestes Bild von Wien und von Österreich, seine Erzähl-Angebot ist breit genug gefächert, um nichts Wesentliches übersehen zu haben. Seine Stärke, die in der Klarheit der Darlegung, wie auch in einem beeidruckendem Wissen über historische Daten und Fakten begründet liegt, ist zugleich aber auch seine Schwäche, gemessen an dem was jüngste Studien zur Stadtgeschichtsforschung (Siegfried Mattl, Wolfgang Maderthaner, Lutz Musner, Werner M. Schwarz, Peter Payer) an Theorie und Quellenerschließung entwickelt und aufbereitet haben. Bleibt bei Bled Wien eine fixe Größe, ein Faktum mit sich veränderndem Angesicht, so ist es anderen historischen Forschungen, derzeit noch beschränkt auf das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert, doch gelungen, die Fragwürdigkeit eines fixen Stadtkonzeptes recht überzeugend zu argumentieren. Doch mit theoretischen Ansichten, dass jede Stadt, somit auch Wien, vor allem als Text, als Zeichensystem anzusehen ist, will sich Bled nicht auseinandersetzen. Sein Ziel, welches auch erreicht wurde, ist eine solide Geschichtsschreibung, die in ihren Erklärungs- und Deutungsangeboten auch nicht einfältig ist, jedoch bewusst neuere Deutungsangebote ausschlägt, ja mitunter auch übergeht.

Schwerpunkt 19. Jahrhundert dominiert auch Fragestellungen

Dass das 19. Jahrhundert bei Bled einen Schwerpunkt einnimmt, ist ihm nicht vorzuwerfen, liegen doch hier auch wesentliche Wurzeln für die Moderne Wiens begraben. Klug verwebt der Historiker die Geschichte des Monarchie mit dem Werden Wiens, seine Analyse gerät kühl, deutlich schildert er die Monarchie im 19. Jahrhundert als politisches System der verpassten europäischen Möglichkeiten, der Vorwurf politischer Entschlusslosigkeit, wie auch die fehlgeleitete Bindung Österreichs an die Geschichte des Deutschen Reiches nach 1866, die letztendlich zum Ende der Monarchie wesentlich beitrug, ist nur schwer zu entkräften.

Und dennoch: Bleds Buch wirkt auf den Leser wie ein klassisches Historiker-Buch, ausgerichtet auf die mitteleuropäische Machtpolitik, ein Buch, das wohl auch schon vor 10 oder 20 Jahren hätte erscheinen können. Dass wagemutigere Interpretationen möglich sind, hat schon Friedrich Heer 1981 mit seinem epochalen, wie auch bis heute wohl unereichtem Werk über die "Identität Österreichs" bewiesen. Dass modernere Herangehensweisen möglich sind, hat vor einigen Jahren der Salzburger Historiker Ernst Hanisch mit seinem Buch "Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert 1890 bis 1990", zumindest für die letzten 100 Jahre, aufgezeigt.

Moderne Stadtgeschichte auf halben Wege steckengeblieben

Bleiben wir in Wien. Bleds Ausführungen über die letzen 120 Jahre Stadtgeschichte können sich schon sehen lassen: Da geht es nicht nur um die Schleifung der alten Stadtmauer, die Ringstrasse und die liberale Ära, nein, Bled setzt sich auch mit der neuen Architektur der industriellen Moderne, also etwa mit Kaufhäusern, auseinander, widmet den Frauen ein eigenes Kapitel, dröselt noch einmal anschaulich die bemerkenswerte Geschichte der ersten Wiener Massenparteien (Deuschnationale, Christlich-soziale, Sozialdemokraten) auf, das "Rote Wien" kommt ebenso vor, wie der Bürgerkrieg von 1934. Besonders gelungen erscheint die Übertragung der drei Stützen der Monarchie (Thron, Militär, Kirche) auf den Wiener Stadtraum. Dies, so scheint es, ist bislang eher unterblieben, wobei etwa das "militärische Wien" sowohl in seiner Schilderung, wie auch in seinen Fragestellungen nichts wirklich Neues bietet. Vielleicht ist dies auch der grundlegendste Einwand zu Bleds Wien-Buch für das 20. Jahrhundert: Man vermisst neue Fragestellungen an die Stadt, sucht vergebens nach Widersprüchen und Gegensätzlichkeiten. Das Wien von Jean Paul Bled bleibt bis in die allerjüngste Vergangenheit nüchtern, beschreibbar und eindeutig.

Mitteleuropäische Enge in Erinnerung gerufen

Andererseits: Bemerkenswert an Bleds Ausführungen sind seine Verankerungen Wiens in einem mitteleuropäischen Raumgefüge, dessen historische Konfliktlinien zwar hinsichtlich ihres Gewaltpotentials weitestgehend gebannt zu sein scheinen, darüber hinaus aber die Gemeinsamkeiten weiterhin spürbar werden lassen. Bleds Ausführungen zur Geschichte Österreichs und Wiens machen die geographische "Enge" dieser Mitte, ihr gegenseitig Aufeinander-Angewiesensein gerade im historischen Rückblick für die Zukunft fruchtbar. Wiens Stadtgeschichte nach 1945 kommt, wie schon angedeutet, leider kaum mehr vor, zu sehr scheint der Historiker von den innenpolitischen Entwicklungen, Bled berücksichtigt auch noch die Koalition zwischen ÖVP und FPÖ, fasziniert zu sein, scheint sich auf dieser Ebene auch die zeithistorisch über lange Zeit tradierte Lagertheorie zu halten, sich gar zu wiederholen, somit also auch vertraute Erklärungsmuster bereit zu halten. Für jemanden wie Bled, der sich auf mehr als 400 Seiten durch die Geschichte einer Stadt, die die längste Zeit über Residenz eines Großreiches "durchwirkt von den papierenen Ärmeln der Verwaltung" (Musil) war, durch gearbeitet hat, scheint die Frage Wiens im machtpolitischen Konzert Europas von überragender Relevanz zu sein. Immer wieder wiegt deswegen Bled auch das Machtpotential Wiens im Vergleich zu anderen europäischen Städten ab, seine Frage nach dem Verhältnis Berlins zu Wien wie auch Deutschlands zu Österreich erklärt sich heute wohl mehr einer bereits klassisch gewordenen Historiker-Debatte, als der Wirklichkeit, die solche Diskussionen beiseite gelegt hat.

Zweite Republik kein unbeschriebenes Blatt

Bleds Anmerkungen zur Zweiten Republik, insbesondere jenseits innenpolitischer Fragen, geraten mager und bescheiden, was überaus schade ist, zumal es auch hier an einem Zuwenig an Forschungsergebnissen zur allerjüngsten Geschichte der vergangenen fünf Jahrzehnte hierbei eigentlich nicht mehr liegen kann. Die Geschichte der Zweiten Republik ist so gesehen längst kein unbeschriebenes Blatt mehr, die theoretische Abstrahierung der jüngeren Zeitgeschichte hat längst begonnen, wenn auch weniger durch die Zunft professoraler Historiker, als durch Journalisten und Schriftsteller, wie etwa Wolfgang Kos oder Robert Menasse.

Bleds Wien-Studie kann am ehesten als einen schlussendlich dann doch wieder bemerkenswerten Versuch gelesen werden, anhand einer herkömmlichen Geschichtsschreibung, die ausgerichtet ist nach den Fragen der Macht und des Raums, noch einmal das gesamte österreichische 20. Jahrhundert umfasst und beschrieben zu haben. Einen richtungsweisenden Wurf, gar eine Neubewertung, geschweige denn eine Neuordnung der Bezugsortes Wien darf man sich hierbei jedoch nicht erwarten. Herausgekommen ist aber dennoch eine brauchbare, ja durchwegs empfehlenswerte Zusammenfassung der Geschichte Österreichs und, dies aber mit Einschränkungen, auch von Wien.

Jean Paul Bled, Wien. Residenz. Metropole. Hauptstadt, Böhlau Verlag, Wien 2002, EUR 49. (Schluss) hch

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