"Kleine Zeitung" Kommentar: "Putins Kolonialkrieg" (Von Günter Lehofer)

Ausgabe vom 28.10.2002

Graz (OTS) - Das Wichtigste sei die unversehrte Freilassung der Geiseln, erklärte Russlands Präsident Wladimir Putin am Beginn des Moskauser Terrors. Er hatte zuvor mit dem Innenminister und dem Chef des Inlandsgeheimdienstes das weitere Vorgehen besprochen. Nach dem tödlichen Ausgagng trat Putin erneut vor das russische Volk und bat die Angehörigen der Toten um Verzeihung. Russland habe aber auch bewiesen, dass es sich vom internationalen Terrorismus nicht in die Knie zwingen lasse.

Putin darf mit seiner Politik und seinem Kalkül bisher zufrieden sein. Der Schock über die vielen Toten durch das Gas der Retter hat sich nicht gegen ihn gewendet. Noch nicht. Putin hat von der Katastrophe um die "Kursk" gelernt. Damals zog er sich zurück und ließ seine Untergebenen haarsträubende Lügen über den Untergang des Atom-U-Bootes in der Barentsee verbreiten. Zuletzt musste die Panne der eigenen Marine zugegeben werden. Das hat Putin geschadet. Diesmal ging er in die Offensive. Aber ausgestanden hat er die Sache nicht.

Nach der Zeit der Trauer könnte unter den Bürgern Russlands auch eine Zeit des Zorns über die mangelhafte Vorbereitung und Durchführung des Angriffs auf die Geiselnehmer kommen. Dass es nicht anders habe getan werden können, ist eine reine Schutzbehauptung.

Putin hat in seiner Rede wesentliche Fragenb ausgeklammert. Er ist auf jeden Fall für den Einsatz des Gases verantwortlich. Dass es noch immer nicht genannt wird, deutet auf eine höchst gefährliche Substanz hin. Wie lange Putin dieses Schweigen durchhalten wird, ist offen. Es ist seine Schwachstelle. In jeder offenen Gesellschaft müsste ein verantwortlicher Politiker nach diesem Ausgang einer Rettung mit harten Fragen rechnen. Putin blieben sie vorerst erspart.

Er hat mit der Formel vom internationalen Terrorismus den Westen und die UNO hinter sich versammelt. Nur Frankreich erinnerte den Kremlchef daran, dass Tschetschenien nur am Rande ein Problem des Terrorismus ist. Es ist der Kampf der Kolonialmacht Russland gegen ein Volk, das nicht mehr bei Russland bleiben will. Keine Verbindungen einzelner tschetschenischer Terrorgruppen mit Osama Bin Laden oder anderen moslemischen Terrorgruppen kann an dieser fundamentalen Tatsache etwas ändern. Die meisten Tschetschenen sind gegen den Terror, aber ebenso gegen die russische Unterdrückung.

Putin hat mit der Formel "nicht in die Knie zwingen lassen" gesagt, dass er sich jeder politischen Lösung in Tschetschenien verweigern wird, die nicht einen vollen Sieg seiner Politik bringt. Er scheint bereit zu sein, für dieses Stück Land im Kaukasus einen ganz hohen Preis zu zahlen. Ob diese Politik in Russland auf Dauer mehrheitsfähig bleibt, weiß niemand. Tschetschenien ist nur ein Mini-Afghanistan. Aber ein totaler Sieg ist Russland nicht zu erwarten.

Koloniale Befreiungskriege, von Algerien (Frankreich) über Angola (Portugal) bis zu den Mau-Mau in Kenia gegen die Engländer, dauerten lang und waren von erschreckender Grausamkeit auf beiden Seiten. Die Kolonialmacht musste aufgeben. Das ist der politische Kern der Botschaft des Terrors mitten in Moskau. Putin wird dies noch lernen müssen. ****

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