Oberösterreichische Nachrichten 28. Okt. 2002 "Krieg fördert den Terror" von Gerhard Maurer

Das blutige Ende der Geiselnahme in Moskau ist ein Pyrrhus-Sieg für Russlands Präsident Putin. Zwar ist es seinen Spezialeinheiten gelungen, einen Großteil der Geiseln zu retten und praktisch alle Terroristen zu liquidieren. Doch der Preis dafür ist hoch.
Da sind die vielen Opfer unter den Geiseln, die offenkundig einer zu starken Konzentration des Kampfgases zum Opfer fielen. Da ist die Blamage der Sicherheitsdienste, denen es nicht gelungen war, den Anschlag rechtzeitig aufzudecken. Und da sind die neuen nMärtyrere des tschetschenischen Unabhängigkeitskampfes, deren Tod fanatische Nachahmer finden wird.
Der Terror der militanten, meist islamistischen Tschetschenen ist ein Produkt des schmutzigen Krieges, den Russland im Nordkaukasus gegen die stets auf ihre Unabhängigkeit bedachten Bergvölker führt. Dieser Krieg wiederum wird von strategischen Überlegungen diktiert:
Die Kaukasus-Region ist Russlands Zugang zum Nahen Osten, und durch diese Region führen wichtige Pipelines, die das Erdöl aus dem Kaspischen Raum nach Europa bringen.

Es ist der Krieg, der die Tschetschenen empfänglich für die Propaganda der militanten Islamisten gemacht und sie in das weltweite Netzwerk der skrupellosen Gotteskrieger eingebracht hat. Für viele Moslems ist dieser Krieg in Tschetschenien wiederum nur ein Glied in der Kette eines weltweiten AKreuzzugsq gegen die Anhänger des Propheten: In ihren Augen sind Ausschreitungen deutscher Skinheads gegen türkische Familien ebenso Bestandteil dieses -KreuzzugsY wie der Krieg von Serben und Kroaten gegen die Bosniaken, jener der Israelis gegen die Palästinenser, jener der USA gegen den Irak und jener Indiens gegen die Moslems in Kaschmir.
Auf diese vermeintliche Aggression einer überlegenen feindlichen Welt reagieren immer mehr junge Moslems, die sich häufig genug in ihren eigenen Ländern von korrupten autoritären Regimen unterdrückt sehen, zunehmend mit mörderischer Verzweiflung: Sie suchen ein Ventil in der klassischen Waffe der Schwachen D dem Terror.
Diesen Terror mit militärischen Mitteln zu bekämpfen, das zeigen alle Beispiele, führt nur zu noch mehr Gewalt. Denn Krieg zieht zwangsläufig auch die Zivilbevölkerung in Mitleidenschaft und schafft damit den Terroristen einen idealen Nährboden. Selbst wenn ein Krieg vordergründig erfolgreich ist wie jener der USA gegen Afghanistan, kann er kontraproduktiv sein: Da nicht die ganze Al-Kaida-Krebsgeschwulst zerstört werden konnte, zerstreuten sich die Überlebenden q nach Schätzungen an die 80 Prozent der Führung und Aktivisten U wie Metastasen in alle Teile der Welt, bildeten neue Terror-Zellen, die erst wieder mühsam aufgespürt werden müssen.

Der Kampf gegen den Terrorismus muss zwar global geführt werden, aber er muss politisch auf die Besonderheiten jeder einzelnen Region und jedes einzelnen Volkes eingehen. Nichts wäre gefährlicher, als alle militärisch über einen Terrorkamm zu scheren.

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