"Impressionismusaustellung" - Eröffnungsrede des Bundespräsidenten

SPERRFRIST Donnerstag 24.Oktober 2002 18.00 Uhr

Es gilt das gesprochene Wort

Rede von Bundespräsident Dr. Thomas Klestil anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "Impressionismus. Amerika - Frankreich- Russland" im Kunstforum Bank-Austria am Donnerstag, dem 24. Oktober 2002

Meine Damen und Herren!

Es ist eine besondere Freude für mich, heute die Herbstaustellung des Kunstforums der Bank-Austria offiziell zu eröffnen. Im Zentrum dieser großartigen Schau stehen Bilder des Impressionismus, Bilder aus Amerika und Russland. Und natürlich - als Referenzpunkt - aus Frankreich.

Die Zusammenstellung, die den Ausstellungskuratoren damit gelungen ist, darf nicht nur als kunsthistorisch spannend bezeichnet werden, sie ist für mich ganz persönlich eine bedeutende und wichtige Schau. Einige impressionistische Kunstwerke amerikanischer Maler konnte ich in den vielen Jahren, in denen ich in der Vereinigten Staaten tätig war, selbst bewundern, sei es im Metropoliten Museum of Art in New York, der National Gallery in Washington oder einem der zahlreichen kleineren Museen des Landes.

Viele dieser Bilder - ich will es nicht verhehlen - rufen im Betrachter Assoziationen an Frankreich wach und lassen ihn sehnsüchtig an Europa, an den "alten Kontinent" denken, - zumal dann, wenn man lange fern von der Heimat lebte. Andere Kunstwerke wiederum sind als eindeutig amerikanisch zu erkennen und fangen die eigentümlichen Stimmungen ein, die für die "neue Welt" so typisch sind.

Anders hat es sich - was mich betrifft - mit den Bildern russischer Impressionisten verhalten. Ich lernte sie kennen, als ich im vergangenen Jahr gemeinsam mit Präsident Putin durch das Museum für russische Kunst in Sankt Petersburg ging. Neben den herrlichen Ikonen, den riesigen Historienbildern und der bedeutenden Sammlung russischer Revolutionskunst wirkten die Lichtspiele der impressionistischen Maler wie ein ferner Gruß Westeuropas ganz im Osten. Einige dieser Bilder fangen die ganze Schwermut und Größe russischer Lebensart ein, und wirken als Botschafter eines Landes, über das wir meistens immer noch zu wenig wissen. Gleichzeitig aber sind es Werke, die die wichtige europäische Tradition dieses riesigen Landes an der Grenze zwischen Asien und Europa wiederspiegeln.

Darin besteht für mich das Berührende, das politische Lehrreiche dieser Herbstausstellung des Kunstforums: dass es eine letzte künstlerische Gemeinsamkeit aufflackern lässt, bevor durch den ersten Weltkrieg eine weltgeschichtliche Phase begann, die Traditionen wie ein Seidenband zerschnitt. Mit millionenfachem Sterben, Krieg, Verfolgung und den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts zersplitterten auch die Sprachen der Kunst. Die impressionistische Malerei, wie sie hier gezeigt wird, zeugt von einem gemeinsamen Aufbruch in die Moderne, sie ist - wenn man so will - ein letzter gemeinsamer Hymnus auf Farbe und Licht.

Wenn wir diese Bilder aus heutiger Sicht betrachten, so sollten wir uns auch der Gunst der Geschichte bewusst sein, die es uns ermöglicht, wieder jenen künstlerischen Austausch zu pflegen, der einzig dem Auftrag der Kunst angemessen ist: Universalsprache der Menschheit zu sein.

Meine Damen und Herren!

Vor genau 130 Jahren vollendete Claude Monet jenes Gemälde, das einer Generation von Künstlern den Namen geben sollte: "Impression - soleil levant", "Impression - Sonnenaufgang", wie es auf Deutsch genannt wird. Es war, wenn man so will, das erste Bild des Impressionismus. Aus der - zunächst spöttisch gebrauchten -Bezeichnung "Impressionisten" erwuchs eine Kunstrichtung, die sich wie kaum eine andere in der Geschichte der modernen Malerei allergrößter Beliebtheit erfreut. Bei Auktionen werden für berühmte Bilder astronomische Summen bezahlt und eine regelrechte Schwemme von Postern und Kalendern hat sich dieser Kunstströmung bemächtigt.

Nicht selten erscheinen uns impressionistische Bilder bekannt zu sein, obwohl wir sie tatsächlich noch nie vorher gesehen haben. Häufig wird dieser Umstand auf die Kommerzialisierung dieser überaus dekorativen Kunst zurückgeführt. Ich möchte aber eine andere Vermutung anstellen: Ist es nicht so, dass alle große Kunst in uns einen Widerhall findet, gleichsam ein Ruf ist, der ein Echo tief in unserer Seele auslöst? Das allen allzu Bekannte wäre dann doch nur Zeugnis einer tiefen Vertrautheit.

Freilich bin ich mir bewusst, dass die Bilder der Impressionisten auch von einer Welt Zeugnis ablegen, die für immer versunken ist, und die uns nur noch in Dokumenten, Kunstwerken und Monumenten überliefert ist. Nichts desto trotz verfügen sie über eine unverminderte Kraft, die uns gleichsam gefangen nimmt und uns eine innere Wirklichkeit zu verdeutlicht. Dies zeugt von einer vielleicht zeitlosen Aussagekraft dieser Kunst, die wir jetzt im Anschluss werden bewundern können.

Ich gratuliere Frau Direktor Brugger und ihrem Team zu dieser besonderen Ausstellung und erkläre die Schau "Impressionismus. Amerika - Frankreich - Russland" für eröffnet.

Rückfragen & Kontakt:

Österreichische Präsidentschaftskanzlei
Presse und Informationsdienst
Tel.: (++43-1) 53422 230

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | BPK0001