"Die Presse" Kommentar "Von Müttern und Töchtern" (von Christine Domforth)

Ausgabe vom 24.10.2002

Wien (OTS) - Seine Familie kann sich der Mensch bekanntlich nicht aussuchen. Bei Bank-Allianzen ist das anders. Angesichts der miserablen Verfassung der HypoVereinsbank - sie schreibt bereits das zweite Quartal in Folge rote Zahlen - drängt sich die Frage auf, ob die Bank Austria mit der HVB tatsächlich den optimalen Partner gewählt hat und ob die größte österreichische Bank nicht auch allein hätte bestehen können.
Unter den möglichen Partnern war die HVB - wenn man von den aktuellen Problemen etwas abstrahiert - sicher nicht die schlechteste Wahl. Eine Allianz mit einem Geldinstitut aus dem nicht-deutschsprachigen Bereich hätte noch mehr Reibungsverluste mit sich gebracht, als sie zwischen München und Wien seit der Fusion ohnehin aufgetreten sind. Daß die Mutter ihrer Tochter derzeit eine relativ lange Leine läßt, hat einen einfachen Grund. Die BA-Zahlen sind im Moment eindeutig besser als jene der HVB. Sollte sich das einmal ändern, könnte die Sonderstellung, die die Bank Austria im HVB-Konzern zweifellos hat, wackeln. Dann ist durchaus mit gröberen Mutter-Tochter-Problemen zu rechnen.
Aus heutiger Sicht wäre ein Single-Dasein für die Bank Austria durchaus überlegenswert gewesen, es hätte allerdings eine enorme Kraftanstrengung erfordert. Immerhin wollte die Gemeinde Wien die Haftung für die Bank Austria loswerden. Und die einmalige Machtfülle des BA-Betriebsrates zu knacken, traute sich Bank-General Gerhard Randa offenbar allein nicht zu. Das ging nur über den Umweg via München. So kam eine Lösung zustande, die manche heute als unnötigen "Ausverkauf" ans Ausland interpretieren.
Daß es auch anders geht, beweist zumindest bisher die Erste Bank ziemlich eindrucksvoll. Sie geht allein ihren Weg und zog sogar in der mißlichen Kapitalmarktlage des heurigen Jahres erfolgreich eine Kapitalerhöhung durch. Auch ihr Aktienkurse hält sich relativ wacker. Die HVB-Aktie hat hingegen seit dem Frühjahr 2000 rund 80 Prozent an Wert verloren, was böse Zungen schon zu dem Kommentar verleitete, daß eigentlich eher die Bank Austria die HypoVereinsbank hätte übernehmen sollen . . .

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