"Jenseits des Librettos": Buch über Wiens jüdische Geschichte

Sammelband "Eine zerstörte Kultur" versammelt Profundes über Antisemitismus und jüdische Kultur des 20. Jahrhunderts

Wien (OTS) - Mehr als 400 Seiten stark, 16 Beiträge, verteilt über das 19. Jahrhundert bis in die allerjüngste Vergangenheit, die Themenvielfalt lässt nichts grundlegendes vermissen, ja mitunter erstaunt sie durch wirkliche Neuheiten: Der im Czernin Verlag erschienene Band "Eine zerstörte Kultur. Jüdisches Leben und Antisemitismus in Wien seit dem 19. Jahrhundert" liest sich weit mehr als "nur" das Ergebnis eines wissenschaftlichen Symposiums, in seiner chronologischen Anlage offenbart sich dem Leser eine Entwicklungsgeschichte, deren Tragik und Folgen, nicht zuletzt durch die Mithereinnahme essayistischer Beiträge für die Zeit nach 1945 nachdrücklich zu berühren weiß.

Schock hält an

Der rückblickende Eintrag Friedrich Torbergs, dass Wiens "Welt-Geschichte" nicht 1918, sondern eigentlich erst 1938 zu Ende gegangen sei, wirkt beim Lesen der Beiträge nach und verlässt einen auch dann nicht, wenn man das Buch zur Seite gelegt hat. Mag schon sein, dass die Notizen George Clares in "Letzter Walzer in Wien - Ein Nachtrag" oder Ruth Beckermanns Beobachtungen und Analysen in "Illusionen und Kompromisse" in ihrem pessimistischen Grundton die letzten Jahre, die nicht nur, aber eben auch von einer wiedererstarkenden jüdischen Gemeinde in Wien erzählen könnten, etwas zu kurz gekommen scheinen, die über weite Teile hin katastrophal verlaufene Geschichte zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Wienern im vergangenen Jahrhundert lässt diesen Einwand aber marginal erscheinen.

Antisemitische Hetze in Pfarrblättern

Es sind nicht Schnitzler, Roth, Mahler, Schönberg oder andere Spitzen der immensen Kulturleistungen des jüdischen Wiener Bürgertums, die den Rahmen dieses Bandes abgeben, als vielmehr sozialgeschichtliche, teils auch mentalitätsgeschichtliche Einblicke in die wesentlichen Stadt-Gruppierungen, seien es nun politische Parteien, wie die Christlich-Sozialen oder die Sozialdemokratie, die katholische Kirche mitsamt ihrem Publikationswesen oder die jüdische Gemeinde an sich. Man könnte das hierbei entstehende Bild, diese erschreckende Gebräuchlichkeit antisemitischer Übereinkünfte als "dunkel" bezeichnen, dies vor allem dann, wenn man sich die "helle" Seite des Wiener Fin de Siecle dazu denkt, eigentlich aber beschreiben viele dieser Aufsätze eine untergegangene "Normalität", deren sprachliche, wie intellektuelle Obszönität vielen wohl erst durch die Erfahrung des Holocaust bewusst geworden ist. Was etwa die Historikerin Nina Scholz in ihrer Durchsicht zeitgenössischer Wiener Pfarrblätter an Antisemitismus herausgefunden oder Bruce F. Pauly in seinem Aufsatz über den "Politischen Antisemitismus im Wien der Zwischenkriegszeit" zusammengetragen hat, stößt auch heute noch sauer auf, verstört in seiner offensichtlichen und unproblematischen Handhabung, ob im damaligen Gemeinderat, im Parlament, auf der Straße, in der Werbung oder in den eigenen vier Wänden. Der großstädtische Antisemitismus war überall zu Hause.

Antisemitismus und Sozialdemokratie

Als "neu" ist vor allem der Aufsatz von Robert S. Wistrich über "Sozialdemokratie, Antisemitismus und die Wiener Juden" zu werten, ein Thema, welches bislang desöfteren ausgespart erschien, galt doch die längste Zeit über die Theorie der antisemitischen Immunität seitens der politischen Linke. Dass dies so nicht aufrechtzuerhalten ist, macht Wilstrich deutlich, wenn er nachweist wie sehr zumal von der Basis, aber auch von Seiten der Führung antisemitische mit anti-kapitalistischen Klischees, bei gleichzeitiger scharfer Zurückweisung ihrer rassistisch-religiöser Spielart, zusammengedacht und genutzt wurden, ungeachtet der Tatsache, dass viele jüdische Bürger für die Sozialdemokratie tätig waren. Viel eher hielt man sich an die marxistische Theorie, wonach, so Wistrich, der "moderne Kapitalismus unweigerlich zu einem Verschwinden der vormodernen, vorindustriellen unteren Mittelschicht der Bevölkerung und dadurch zum Verschwinden der antisemitischen Bewegungen" führen müsse. Eine europaweite Täuschung, die spätestens 1933 als solche erkennbar wurde.

NS-Herrschaft mehr Teil als Focus

Den barbarischen, wie tödlichen Antisemitismus der Nationalsozialisten behandelt vor allem Gerhard Botz, der sich in seinem Beitrag "Ausgrenzung, Beraubung und Vernichtung. Das Ende des Wiener Judentums unter nationalsozialistischer Herrschaft" mit der letzten, eskalierenden Stufe des über lange Zeit existenten Wiener Antisemitismus auseinandersetzt. Dennoch gilt: Das Interesse von "Eine zerstörte Kultur" gilt nicht unbedingt und ausschließlich der NS-Herrschaft, der facettenreiche Blick greift breiter in den historischen Raum aus, insistiert wissenschaftlich-kühl auf die lange und partei- wie gesellschaftsübergreifende Macht antisemitischer Vorurteile, betont, vor allem in seiner bereits erwähnten chronologischen Fortführung das beunruhigende Fortwirken antisemitischer Ressentiments bis weit in den republikanischen Alltag Österreichs.

Neues Gedächtnisprotokoll währt erst kurz

Dass einmal Zerstörtes nicht mehr herstellbar ist, auch diese Erkenntnis liefert dieser Sammelband mit. "Daneben schrieben sie sich eine Libretto-Version ihrer Geschichte..." hält der 1947 für kurze Zeit nach Wien zurückgekehrte George Clare angesichts der Erfahrungen im kriegszerstörten Wien fest. Die öffentliche Absetzung dieses freundlichen Librettos fand erst in den 80er Jahren im Zuge des damaligen Bundespräsidenten-Wahlkampfes mit Kurt Waldheim statt. Seitdem schreibt die Stadt ein neues Gedächtnisprotokoll, dessen Ende noch lange nicht in Sicht zu sein scheint.

Gerhard Botz, Ivar Oxaal, Michael Pollack, Nina Scholz (Hg.), Eine zerstörte Kultur. Jüdisches Leben und Antisemitismus in Wien seit dem 19. Jahrhundert" Czernin Verlag 2002, 448 Seiten, EUR 39,80. (Schluss) hch

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