"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Der Heckenschütze" (Von Peter Plaikner)

Ausgabe vom 22. Oktober 2002

Innsbruck (OTS) - Der Sniper ist ein Einzelfall. Nichts wirkt verblüffender am Heckenschützen von Washington als sein Neuigkeitswert. Alles Erdenkliche wird getan, wenn die Möglichkeit dazu besteht. Todesschüsse aus dem Hinterhalt gehorchen einem vergleichsweise einfallslosen, uralten Schema. Seit es weitreichende Waffen gibt, ist dies eine übliche Methode der (Menschen-)Jagd.

Spezielles Gezeter über Gewaltfilme und -spiele scheint hier unangebracht. Denn die künstlichen Vorbilder werden überflüssig, wo menschliche Abgründe ausreichen. Zielen und Treffen sind Urinstinkte in uns. Die Skrupel sinken mit der Entfernung. Um pazifistische Gewissen ehrlich auszuloten, wären sie auf einem Schießplatz zu erproben. Wer schon über seine eigene Lust am Schuss erschrocken ist, wird sich manch verlogene Verrohungsdiskussion ersparen.

Unsere Gesellschaft tabuisiert menschliche Eigenheiten inkonsequent. Auch wo Erziehung und Partnerschaft anders gewichten, bleibt im Gemeinwesen Gewalt-(darstellung) einfacher zugänglich als Sexualität. Wir errichten falsche Hürden am höchsten und wundern uns, wenn niedrigere Barrieren übersprungen werden.

In den USA sind diese Hemmschwellen noch tiefer. Waffenbesitz wird weiterhin zu leicht gemacht. Ein lonesome fighter, der einsame Kämpfer, gilt als nationale Identifikationsfigur. Dem Recht selbst Geltung zu verschaffen, ist geradezu aus Staatsräson eine kaum hinterfragte Macht-Tradition. Es hat also fatale Logik, dass nirgendwo öfter Amokläufer auftauchen als in den USA.

Doch jede angebliche Drehung an der Gewaltspirale wird von einer deutlichen Dosiserhöhung an Panikmache begleitet. Rund fünf Millionen Menschen befinden sich geradezu im Ausnahmezustand, weil zwölf Attentate verübt wurden. Da sorgt nicht das Dutzend Opfer für Aufwand und Aufregung, sondern ein Verbrechen nach dem Dutzendgeschmack. Hollywood macht keine Filme darüber, dass der Straßenverkehr rund um Washington gefährlicher ist.

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