Erika Weinzierl über neues Goldhagen-Buch

Bekannte Zeithistorikerin hätte "einiges anders formuliert" - Grundaussage bleibt aber zutreffend

Wien (OTS) - In einem Vorabgespräch mit der Rathauskorrespondenz anlässlich der Präsentation von Daniel Goldhagens neuem, bereits kontroversiell diskutierten Buch "Die katholische Kirche und der Holocaust - Eine Untersuchung über Schuld und Sühne" (Siedler Verlag) kommenden Freitag im Rahmen der Wiener Vorlesungen betont Weinzierl, dass sie am ehesten ein Problem mit pauschalen Schuldzuweisungen ("die" Deutschen, "die" katholische Kirche) hätte, nicht jedoch mit der Grundaussage des Buches, dessen Verfasser sie ein hohes Engagement zubilligt. "Es waren viele, es hätte keiner sein dürfen", fasst die engagierte Historikerin, die im heurigen Frühjahr den Ehrenring der Stadt Wien überreicht bekam, ihre Conclusio zusammen. Über das ebenfalls dieser Tage erschienene Buch des Wiener Theologen Stefan Moritz "Grüß Gott und Heil Hitler - Katholische Kirche und Nationalsozialismus in Österreich" (Picus Verlag) spricht sich Weinzierl positiv hinsichtlich seiner Informationsfülle aus. Wesentliche neue Forschungserkenntnisse kann sie nicht entdecken, die Bearbeitung historischer Quellen in einzelnen Pfarren würden aber das bestehende historische Bild verfeinern und anreichern.

Ihr komme es gegenwärtig so vor, so Weinzierl im weiteren Gespräch, dass viele hohe katholische Würdenträger zur Zeit ihre "Ohren gespitzt" hätten, da neben Goldhagens neuem Buch auch ein Kinofilm über das Leben Papst Pius XII demnächst anstünde ("Der Stellvertreter", Regie: Costa-Gavras, Filmstart in Österreich:
18.10.02), der sich insbesondere mit der Frage des Papstes zur Zeit des NS-Regimes und der europaweiten Judenverfolgung auseinandersetze.

Vom "Hort des Widerstandes" zur bedrückenden historischen Wahrheit

Weiters erinnert Weinzierl daran, dass es bereits seit geraumer Zeit innerkirchlich einen christlich-jüdischen Dialog gebe, betont aber auch dessen akademischen Charakter. Zu den getätigten Entschädigungszahlungen an KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter der letzten Jahre hält die 1925 in Wien geborene Zeithistorikerin fest, dass die Kirche unter Kardinal Schönborn seinerzeit entschlossen und rasch reagiert habe und entsprechende Einzahlungen getätigt habe. Ebenso erinnert sie daran, dass die Kirche in Österreich nach 1945 über viele Jahre hinweg als "Hort des Widerstandes" in der Öffentlichkeit galt. Derzeit finde diesbezüglich ein "Backlash" statt bzw. eine für manche schmerzhafte historische Revision, deren wissenschaftliche Vorarbeiten zwar bis in die 60er Jahre zurückreichen, jedoch jetzt erst von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen werden würden.

Dezidiert hebt Weinzierl hervor, dass sie, trotz ihrer katholischen Prägung, keineswegs zur Verteidigerin derer gemacht werden will, die "damals etwas angestellt haben". Direkt zu Goldhagens Buch will die Historikerin aber erst kommenden Freitag Stellung nehmen.

Heftige Diskussionen um Goldhagens neues Buch

Daniel Jonah Goldhagen sorgte bereits mit seinem im Jahr 1996 erschienenen Buch "Hitlers willige Vollstrecker" (Siedler Verlag) für internationale Schlagzeilen. Ging es ihm seinerzeit um die massenhafte Unterstützung Hitlers durch die Deutschen, so nimmt diesmal Goldhagen, ausgehend von der problematischen Figur Papst Pius XII. zur Zeit des Nationalsozialismus, die katholische Kirche ins Visier. Wenn auch die historischen Faktenlage zu diesem Thema durch Goldhagen nicht wesentlich erweitert wurde, so ist es vor allem seine pointiert formulierte Aufforderung zur Sühne, zur materiellen Entschädigung und zur Revision judenfeindlicher Passagen im Neuen Testament, die zu heftigen Diskussionen rund um das Buch führten. (Näheres auch unter: http://www.perlentaucher.de/buch/11601.html )

Wissenschaftliche Biographie von Erika Weinzierl

Univ. Prof. Dr. Erika Weinzierl wurde 1925 in Wien geboren. Nach ihrer Promotion in Geschichte war sie zuerst als Archivarin im Haus-, Hof- und Staatsarchiv tätig, bis sie sich im Jahr 1961 habilitierte. Von 1964 bis 1992 war Weinzierl Vorstand des Institutes für Kirchliche Zeitgeschichte am Internationalen Forschungszentrum Salzburg. Im Jahr 1979 wurde sie zur ordentlichen Professorin für Neuere und Neueste Geschichte am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien. Weinzierl hat vor allem zur Geschichte der katholischen Kirche im 20. Jahrhundert ("Zu wenig Gerechte"), wie auch zur Geschichte des Antisemitismus gearbeitet und geforscht. Sie ist Trägerin mehrerer Auszeichnungen.

o Wiener Vorlesungen: Prof. Daniel Johan Goldhagen im Gespräch mit Univ. Prof. Dr. Erika Weinzierl und Dr. Hansjakob Stehle zum
Buch "Die katholische Kirche und der Holocaust. Eine
Untersuchung über Schuld und Sühne"
Termin: Freitag, der 18. Oktober
Ort: Wiener Rathaus, Wappensaal
Beginn: 20.00 Uhr
Der Eintritt ist frei.

Allgemeine Informationen:
o Wiener Vorlesungen:
http://www.wien.gv.at/ma07/vorlesungen/next.htm
(Schluss) hch

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