"Die Presse" Kommentar: "Ein bisserl Buddhismus" (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 15.10.2002

Wien (OTS) - Der Dalai Lama als Popstar, als Friedensbringer, als Glückswegweiser, als kleiner Bauernbub, der zum großen Gottkönig wurde: Wenn Tausende Menschen aus aller Welt nach Graz reisen, um gemeinsam mit dem Oberhaupt des tibetischen Buddhismus das "Kalachakra"-Ritual zu begehen, gehören "Personality"-Geschichten über Tenzin Gyatso zum medialen Pflichtprogramm.
Der Mann ist, wie man liest, neben Papst Johannes Paul II. der zweite "religiöse Popstar" unserer Zeit, also wollen wir zur Abrundung auch noch wissen, ob Richard Gere auch vor seiner Freundschaft mit dem Dalai Lama schon ein guter Mensch gewesen ist, ob Harrison Ford nur den Dalai Lama mag oder auch den Buddhismus, wie sich Sharon Stones doch eher genußsüchtig angelegte Rolle in "Basic Instinct" mit ihrer buddhistischen Grundhaltung verträgt und was eben sonst noch zum tieferen Verständnis des zeitgenössischen Lebens gehört. Ebenfalls zum Standardprogarmm gehört die Feststellung, daß der Buddhismus in Europa im Vormarsch sei, weil die bösen monotheistischen Religionen - Judentum, Christentum und Islam - so böse kriegerisch seien, während der Buddhismus eine Religion des Friedens sei. Als Beweis dafür wurde in einem der Hochglanzmagazine dieser Tage ein Prominenter zitiert, der in Befolgung des Mitgefühls-Gebotes sogar auf das Erschlagen von Gelsen verzichtet. So etwas hat man von einem katholischen Bischof nie gehört.
Nein, von katholischen Bischöfen hört man wieder einmal nur schlimme Sachen: Egon Kapellari, katholischer "Hausherr" im gegenwärtig buddhistischen Graz, hat den Katholiken seiner Diözese sogar davon abgeraten, an dem Ritual teilzunehmen. Kapellari beschreibt seine Haltung als "freundliche Distanz", er habe "keine Berührungsängste", wohl aber "ein Unterscheidungsbedürfnis". Das ist die Haltung, die man als katholischer Christ gegenüber dem Buddhismus haben sollte. Denn es stimmt, was der Grazer Bischof sagt: "Es ist nicht alles eins."
Menschen, die sich gerne "aufgeklärt" und "fortschrittlich" nennen, halten eine solche Haltung für einen Beweis der dogmatischen Erstarrung der katholischen Kirche. Man könne, meinen sie, doch ein bissl beim Kalachakra mitmachen, am nächsten Sonntag singt man eh wieder im Kirchenchor. Natürlich kann man, man kann heute in Mitteleuropa in religiösen Angelegenheiten alles, und das ist gut so. Wer sich aber selbst als religiösen Menschen ernst nimmt, muß sich die Frage nach Sinn, Wert und Kraft von Riten stellen und kommt auch sonst um ein paar entscheidende Fragestellungen nicht herum. Die in der Unterscheidung zwischen Christentum und Buddhismus wichtigste lautet: Glaube ich, daß es einen personalen Gott gibt, der mich erlöst (hat), oder glaube ich an einen ewigen Kreislauf der Dinge, innerhalb dessen ich mich erlösen kann? Beide Optionen sind höchst respektabel, aber es sind eben zwei Optionen, die sich nicht zugleich einlösen lassen.
Wer sich solche Fragen nicht stellt und sich statt dessen, wie ein österreichischer Schauspieler, als "jüdischen Buddchristen" bezeichnet, redet nicht von Religion, sondern von Wellness. Wellness ist erstens nicht verboten und zweitens bequemer und entspannender als Religion. Weder der Anspruch, einer Offenbarungsreligion und ihrem Interpretatiossystem als Weg zur Erlösung gerecht zu werden, noch der Anspruch, sich selbst der Erlösung zuzuführen, ist bequem einzulösen: Im Religiösen geht es immer ums Ganze.
Was den Dalai Lama vielen Menschen sympathisch macht, ist, daß er den Eindruck erweckt, man könne "ein bissl Buddhist" sein. Vielleicht kann man das auch. Was man aber nicht kann, ist ein bissl Buddhist und ein bissl Christ sein.

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