"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der unpolitische Politiker" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 13.10.2002

Graz (OTS) - Politiker sind in der Regel redselig. Sie erstarren jedoch zur Salzsäule, wenn man fragt, was sie tun würden, wenn sie mit dieser oder jener Partei eine Koalition bilden. Dann antworten sie unwirsch, dass sie zu hypothetischen "Was wäre wenn..."-Fragen nicht Stellung nehmen wollen.

Um was geht es denn in diesem Wahlkampf als um was wäre wenn? Oder glaubt Wolfgang Schüssel, er sei so toll, dass ihm mehr als die Hälfte aller Wählerherzen zufliegen werden? Von Alfred Gusenbauer gar nicht zu reden, der zwar der Spitzenkandidat der immer noch stärksten Partei ist, aber immer noch Probleme hat, von den eigenen Genossen als der ideale Kanzlerkandidat empfunden zu werden.

Beide werden nie und nimmer so stark werden, dass sie allein eine Regierung bilden können. Beide brauchen einen Partner, aber beide verschweigen hartnäckig, mit wem sie eine Koalition bilden wollen.

So weit, so ärgerlich.

Aber reden wir nicht von Schwarz und Rot, auch nicht von Blau, das nur die theoretische Möglichkeit hat, die zerbrochene Koalition irgendwie fortzusetzen, sondern reden wir von Grün, dessen Stunde diesmal schlagen könnte.

Erstmals winkt den Grünen die Teilhabe an der Macht. Die jüngste der im Parlament vertretenen Parteien, deren Wählerpotential mittlerweile auch in die Jahre gekommen ist, steht vor einer fundamentalen Entscheidung: Sie will die Rolle der Opposition abstreifen und den Sprung in die Regierung wagen.

Sich bloß als "Gegenpol" zu Schwarz-Blau anzupreisen, ohne zu sagen, was Rot-Grün anders machen will, ist dürftig. Polemik produzieren die anderen zum Überdruss. Konkrete Positionen werden erwartet.

Etwa ob die Wehrpflicht abgeschafft und durch ein Berufsheer abgelöst werden soll. Ob Österreich auf ewig neutral bleiben soll und ein Mindestkontingent an Abfangjägern braucht, um den Luftraum zu überwachen. Ob der Bau von Autobahnen eingestellt wird und wie hoch die Maut für Lkw und Pkw sein soll. Wie die Grundversorgung finanziert werden soll und ob die Unterstützung auch jenen gewährt wird, die leistungsfähig wären, aber nicht arbeitswillig sind. Ob allen, die unsere Grenzen überschritten haben, das Aufenthaltsrecht gewährt oder ob beim Asyl zwischen Verfolgten und Wirtschaftsflüchtlingen unterschieden wird.

Vermutlich werden wir vergeblich auf genaue Antworten warten. Die Verlockung, das Wahlprogramm auf Überschriften zu beschränken, wird auch für die Grünen zu groß sein. Die anderen machen es ja ebenso.

Damit sind wir bei der Person angelangt. Sie ist für die Grünen, die seit ihrer Gründerzeit den Personenkult zwar verdammten, aber trotzdem immer exzessiv praktizierten, wahlentscheidend. Alexander Van der Bellen verkörpert mit seiner etwas schrulligen Nachdenklichkeit den Idealtyp des unpolitischen Politikers: Der Professor als gütiger Onkel, der für fast alles Verständnis hat.

Genügt das? Von einer Partei und ihrem Spitzenkandidaten, der das Schicksal Österreichs in den nächsten vier Jahren mitbestimmen soll, muss man verlangen, die Karten auf den Tisch zu legen. ****

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