"Die Presse"-Kommentar: "Lorbeer für einen Friedensmissionar" von Burkhard Bischof

Ausgabe vom 12.10.2002

Wien (OTS) - Also Jimmy Carter ist bestimmt nicht der übelste Friedenspreisträger, den das norwegische Nobelpreiskomitee in den vergangenen Jahrzehnten auserwählt hat. Da gab es schon noch einige andere Ehrungen von Politikern und Aktivisten, die sich im nachhinein als nachgerade ominös und peinlich erwiesen.
Oder kennt noch jemand die Namen der nordirischen "Peace People"? Oder der schwedischen Abrüstungspolitikerin Alva Myrdal? Und wie war das noch mit den Friedensnobelpreisen für Henry Kissinger, Schimon Peres oder Jassir Arafat? Welchen Frieden haben die geschaffen? Soll nur heißen: Die Auszeichnung insbesondere von Politikern mit dem Friedenspreis war immer schon einigermaßen problematisch, obwohl es auch solche gibt, die nicht nur eine solche Auszeichnung verdient hätten.
Daß die Wahl dieses Jahr auf Jimmy Carter fiel, ist so gesehen eine vertretbare, aber keine besonders kreative Entscheidung. Carter war bestimmt immer ein anständiger Politiker, auch als US-Präsident, wenn auch kein vom Glück beseelter. Und sein Engagement als Vermittler in den diversen Konfliktherden rund um den Globus war immer ehrlich und bemüht. Wenngleich Carters so typisch protestantisch-missionarischer Antrieb bei seinen Friedenseinsätzen, wie ihn viele Amerikaner an den Tag legen, auch nicht gerade jedermanns Geschmack ist.
Problematisch ist bei der gestrigen Osloer Entscheidung für den "Friedensapostel aus Georgia" etwas anderes: daß sie explizit als Ohrfeige für den "Kriegstreiber aus Texas" gedacht ist. "Europa schwimmt derzeit auf einem Meer des Antiamerikanismus", hat kürzlich der Gaullist Pierre Lellouche erklärt. Und tatsächlich ist US-Präsident George W. Bush derzeit ja so etwas wie der Gottseibeiuns in sämtlichen Wirtsstuben zwischen Palermo und Hammerfest.
Der Zufall spielte Regie, daß der US-Kongreß gestern dem Präsidenten zum Krieg gegen Irak eine Ermächtigung erteilte. Wenn Saddam Hussein den Forderungen Washingtons bezüglich scharfer Waffeninspektionen nicht zustimmt, wird Bush diesen Krieg führen. Und es ist naiv zu glauben, Friedensnobelpreisträger Jimmy Carter werde ihn aufhalten können.

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