"Kleine Zeitung" Kommentar: "Vereinigte Schönfärber" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 06.10.2002

Graz (OTS) - Österreich ist immer noch die Insel der Seligen. Wer liest und hört, was die Parteien für die nächsten Jahre versprechen, muss an das Schlaraffenland glauben. Es wird mehr und besser bezahlte Arbeitsplätze geben, die Pensionen werden gesichert und erhöht, die Familien werden gefördert und unterstützt, die Gesundheitsversorgung wird ausgebaut und gleichzeitig billiger gemacht. Und diese Wohltaten werden selbstverständlich mit einer Senkung der Steuern und Abgaben verbunden sein.

Die Liste der Frohbotschaften lässt sich verlängern. Die Politiker glauben offensichtlich, dass die Bürger im Wahlkampf die Augen schließen und das Hirn abschalten. All das, was man bisher nicht verwirklichen konnte, soll plötzlich möglich sein, obwohl die Welt um uns härter und kälter geworden ist.

So ernst wie heute war die Lage schon lange nicht. Die Wirtschaft, die sich vom Tiefschlag des 11. September 2001 noch nicht erholt hat, steuert auf den nächsten Abgrund zu. Immer öfter werden die drei hässlichen D-Worte zitiert: Double Dip, Deflation, Depression.

Verflogen ist die Hoffnung, dass es sich um eine vorübergehende Delle der Konjunktur handelt. In Amerika gab es nur ein kurzes Durchatmen. Man fürchtet ein doppeltes Eintauchen in die Rezession. Der nochmalige Schwächeanfall droht ein langfristiger Kollaps zu werden. Selbst wer eine Wiederkehr des Schwarzen Freitag von 1929 ausschließt, als die verheerende Weltwirtschaftskrise ausbrach, fühlt sich an die verhängnisvolle Abwärtsspirale erinnert, die 1989 Japan lähmte. Der kraftstrotzende Riese aus dem Fernen Osten ist seither lendenlahm.

Die Parallelen sind alarmierend. Damals platzte eine Blase der Spekulation in Aktien und Immobilien, von der sich die zweitgrößte Industriemacht der Welt nicht mehr erholte. Japan schwankt zwischen Stagnation und Rezession. Regierung und Notenbank kämpfen erfolglos gegen das uns fremde, aber drohende Phänomen der Deflation an, wenn die Preise sinken, weil niemand kauft und niemand einen Kredit aufnimmt, obwohl die Zinsen auf null gesunken sind. Dann stürzt eine Nation in die Depression.

Die Fehler, die in Japan passiert sind, werde man, heißt es, in Amerika und in Europa nicht wiederholen. Die Regierungen und die Währungsbehörden hätten rechtzeitig gegengesteuert. Hoffentlich reicht das. Die Börsenkurse befinden sich weiterhin im freien Fall, die "New Economy" hat Unsummen an Kapital vernichtet, die Banken wanken, die Versicherungen taumeln. Die Konjunkturpropheten korrigieren ihre Prognosen nach unten und verschieben den Aufschwung immer weiter in eine ungewisse Zukunft.

Nur wir in Österreich, meinen die vereinigten Schönmaler in den Parteizentralen, bleiben von der Krise verschont. Regierung und
auch Opposition tun so, als könnte der Staat aus dem Vollen schöpfen. Wo sind die Rezepte für mehr Beschäftigung, ohne die das Netz der sozialen Sicherheit nicht aufrecht erhalten werden kann? Statt dessen wird man mit Enthüllungen gelangweilt, wie Promis und Adabeis wählen werden. ****

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