"Die Presse" Kommentar: "Ende des Sonderwegs" (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 4.10.2002

Wien (OTS) - Wenn der Papst am Sonntag den seligen José Maria Escrivá endgültig zur Ehre der Altäre erheben wird, endet in Rom ein katholischer Sonderweg. Opus Dei, das "Werk Gottes", das Escrivá 1928 gegründet hat, wird mit diesem Akt von der randständigen Erscheinung, die man in der Vergangenheit gerne mit aller Vorsicht als "Gewürz" in der schal gewordenen Suppe des Katholischen bezeichnete, zum Normalfall.
Die Kritik an der Heiligsprechung des Mannes, der sich und seine Anhänger gerne als "Soldaten Gottes" bezeichnete, ist vom Unbehagen über die Organisation schwer zu trennen, die _ als "Personalprälatur" geführt _ nach wie vor ein Hauch von Geheimnis und unangemessener Macht umweht:
Der Bürgerkriegston, den Francos Exerzitienmeister Escrivá in seinem Früh- und Hauptwerk "Der Weg" (Camino) anschlägt, findet sich in den mittelalterlich anmutenden Buß- und Selbstgeißelungsritualen wieder, die in den Zentren des Werkes nach wie vor zum religiösen Repertoire gehören. Der Widerspruch zwischen dem Einsatz des Werkes für die Ärmsten und der eher luxuriösen Ausstattung der werkseigenen Zentren ist ebenso auffällig wie jener zwischen der Betonung des Laien-Apostolats und der Ausbreitung von zölibatär in Gemeinschaft lebenden Kaderschichten.
Die Bezeichnung "Soldaten Gottes" hat indes viel für sich: Das Opus Dei repräsentiert im Katholischen die Reste jener religiösen Militanz, die den einzelnen Gottgläubigen im ständigen Kampf mit der gottlosen Welt sieht. Gerade dieser Zug wird auch die Bischöfe der deutschsprachigen Länder, die noch vor 10, 15 Jahren dem Opus in überwiegender Zahl kritisch gegenüberstanden, zum Meinungswechsel bewogen haben.
Angesichts der Totalsäkularisierung Europas wurde das vom Konzil geprägte pastorale Konzept der "Volkskirche", der die Einbeziehung möglichst vieler Menschen wichtiger ist als die Intensität des einzelnen Glaubenslebens, Zug um Zug fallengelassen. Heute setzt man wieder stärker auf das Konzept der "kleinen Herde", in der sich die Hundertprozentigen zusammenfinden, um gemeinsam durchzuhalten bis zur Wiederkehr des Herrn. Opus Dei ist für ein solches Konzept die perfekte Trägerorganisation.
Die scharfe Abgrenzung zur ungläubigen Außenwelt hat eine problematische ideologische Seite. Die geradezu paranoide Ablehnung von allem, was nach Sozialismus oder gar Marxismus riecht, erinnert in unangenehmer Weise an die problematische Haltung der Kirche gegenüber den faschistischen Diktaturen der 20er und 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. José Maria Escrivá und fast allen Kirchenmännern seiner Zeit war die Bekämpfung des "teuflischen" Bolschewismus wichtiger als der Kampf gegen faschistische Regime, die immerhin Bereitschaft zeigten, sich mit der Kirche zu arrangieren. Heute zeigt sich die ideologische Verkürzung vor allem in Lateinamerika: Das Opus Dei ist präsent, hilft den Armen, lehnt aber, anders als die Anhänger der Befreiungstheorie, jedes Engagement für die Veränderung der politischen Rahmenbedingungen strikt ab. Das Opus Dei und die ihm zuzurechnenden Bischöfe in Lateinamerika waren die wichtigste Waffe des Vatikan im Kampf gegen die _ als marxistisch eingestufte _ "Theologie der Befreiung".
Daß sich die "einfachen Mitglieder" des Opus Dei über solche Vorhaltungen beklagen, ist verständlich: Sie nehmen nur den von Escrivá formulierten Gründungsgedanken, den Alltag zu heiligen und das bewußte Christsein nicht auf den Sonntag zu beschränken, ernst. Aber sie tun es innerhalb einer Organisation, über deren problematische Aspekte auch die Heiligsprechung ihres Gründers nicht den Mantel des Schweigens breiten sollte.

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