Oberösterreichische Nachrichten 4. Okt. 2002 "Eigentlich verlogen" von Dietmar Mascher

Atomstromimport aus Tschechien ist verboten. Stromimport aus Tschechien ist generell verboten. Eigentlich. Was das nämlich in der Praxis bedeutet, haben die vergangenen Tage gezeigt.
Kurz zur Erinnerung die Fakten aus einem OÖN-Exklusivbericht dieser Woche: Aus den Außenhandelsstatistiken von Tschechien und Österreich geht hervor, dass Strom von Tschechien nach Österreich geliefert wurde. Das wäre verboten. Außer es handelt sich um Transitstrom. Was letztlich bewiesen worden sei, sagt die zuständige Behörde. Alles legal.
Egal, ob man nun für oder gegen Atomstrom ist Z die Regelung erinnert in ihrer Gangart an manchen Vergleich. Sie hinkt gewaltig. Wie man weiß, ist Strom kein Gut, das mit dem Lkw über die Grenze gebracht wird. Strom fließt durch die Leitungen. Wem was gehört und woher es kommt, hängt in der Regel von den begleitenden Verträgen ab. Wenn nun ein österreichischer Stromhändler Strom in Tschechien gekauft hat und nach Deutschland weiterverkauft, dann fließt der Strom durch Österreich durch. Dabei handelte es sich im konkreten Fall um eine nicht unwesentliche Menge von rund 8000 Megawattstunden. Aber eben nur sozusagen, denn es ist anzunehmen, dass genau jener Strom, der aus ungeliebten Atomkraftwerken kommt, vielleicht gerade dafür verantwortlich ist, dass Sie bei Licht diese Zeilen lesen können.
Aus dieser Sichtweise ist ein eingeschränktes Stromimportverbot verlogen oder ein Beruhigungsmittel für verängstigte Bürger. Oder beides.
Abgesehen davon: Das Stromimportverbot gilt für bestimmte Drittstaaten, deren Kraftwerke nach dem Dafürhalten der Österreicher unsicher oder sonst schrecklich sind. Sobald Tschechien aber in wenigen Jahren zur EU kommt, ist es kein Drittstaat mehr, ein Stromimport wird von einem Tag auf den anderen legal.

Kommt Tschechien nicht zur EU, könnte es durchaus sein, dass weiterhin Atomstrom auf anderen Wegen nach Österreich findet: über Strombörsen eventuell. Umweltbewegte schätzen schon jetzt den Anteil von Atomstrom an jenem in Österreich verbrauchten Strom immer höher als von den Versorgern angegeben.
WNach Österreich liefern wir nur Strom, der nicht in den AKW erzeugt wurde. Den Atomstrom behalten wir selbstverständlich selbsto, höhnte vor kurzem ein Vertreter eines deutschen Energiekonzerns im Gespräch mit den OÖN.
Er sagt eigentlich alles aus. Denn wenn Österreich nicht autark bei der Stromerzeugung und bei den Stromnetzen ist, lässt sich der Import von Atomstrom praktisch nicht ausschließen. Auch wenn manche suggerieren, es gäbe ein Mascherl.

Wer den Ausstieg aus der Atomenergie will (was durchaus legitim ist), wird mit halbherzigen Importbeschränkungen auf Dauer ebenso wenig Erfolg haben wie jene, die suggerieren, ein Veto gegen den EU-Beitritt Tschechiens würde die Sicherheit von Temelin erhöhen.

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