DER STANDARD-Bericht: Neue Zukunftsvorsorge ist schwer reparaturbedürftig - Erscheinungstag 3.10.2002

Wien (OTS) - Die Finanzbranche kann das vor zwei Wochen überraschend beschlossene Grassersche Vorsorgemodell nicht in Produkte umsetzen: Die vorgeschriebene 60-prozentige Aktienquote sei zu hoch, eine Kapitalgarantie sei so nicht zu verwirklichen, sagen Branchenvertreter.

Zwei Wochen nach dem überraschenden Beschluss des neuen staatlich geförderten Pensionsvorsorgemodells scheint klar: Das Konstrukt kann so nicht funktionieren. Vertreter von Versicherungen, Banken und Fondsgesellschaften werden heute, Donnerstag, Finanzminister Karl-Heinz Grasser deutlich erklären, dass das von ihm präsentierte und vom Parlament in letzter Minute beschlossene Konzept so nicht umsetzbar ist.

Beschlossen ist, dass in Anlehnung an das Bausparen der Staat 180 Euro Prämie sponsert, wenn 1800 Euro in einen Fonds eingezahlt werden, der verpflichtend zu 60 Prozent in Aktien österreichischer, griechischer und portugiesischer Aktientitel investiert. Dazu muss der Fonds eine Kapitalgarantie abgeben. Das heißt, dass die eingezahlten Gelder bis zur "Verrentung", also dem Übertrag des Kapitals an eine monatlich auszahlende Versicherung, garantiert sein müssen. Damit hätte einerseits die private Pensionsvorsorge und andererseits die unter zu wenigen Käufern leidende Wiener Börse gefördert werden sollen.

Weniger Risikoanteil

Nach der ersten Gesprächsrunde mit Finanzexperten in der Wirtschaftskammer am Dienstag scheint klar: Mehr als 40 Prozent Aktien können in diesem Produkt nicht enthalten sein, sonst ist keine Kapitalgarantie möglich. Auch Finanzmathematiker bringen aus der Grasserschen Vorgabe kein Modell zusammen, das in ein Produkt münden könnte.

Einige Branchenvertreter der Versicherungen gehen sogar eher von maximal 30 Prozent Aktienanteil aus. Die laufende Inflation könne auch nicht abgegolten werden, es kann also keine Zinsgarantie geben, heißt es vielfach. Das bestätigt auch die Meinl Bank. Wiener-Städtische-Generaldirektor Günther Geyer will Produkte herausbringen, braucht aber "noch wesentliche Informationen". Eine 60- prozentige Aktienquote könne er höchstens ab Laufzeiten von mehr als zehn Jahren erfüllen.

"Die ursprüngliche Konstruktion müsste umgekehrt werden", sagt Wolfgang Dorten, Chef der 23 heimischen Fondsgesellschaften, "also hauptsächlich Anleihen, weniger Aktien - vielleicht 40 Prozent". Das von Grasser präsentierte Modell bezeichnet er als "sehr rudimentär".

Wolfgang Traindl, Leiter der Privatbankenabteilung in der Erste Bank, glaubt überhaupt nicht, dass Fondsgesellschaften bei einem solchen Produkt eine Kapitalgarantie geben können: "Wir können kein Produkt machen, bei dem wir das Risiko tragen." Ursprünglich sei vorgesehen gewesen, dass der Staat eine Kapitalgarantie übernehme, im Parlament sei aber etwas völlig anderes beschlossen worden.

Laut Grasser und Wirtschaftsminister Martin Bartenstein sollen die neuen Produkte bereits im kommenden Jahr alle anderen staatlich geförderten Vorsorgeinstrumente (etwa die Pensionsinvestmentfonds) ersetzen.

Den derzeitigen Kommentaren der Finanzgemeinde zufolge dürfte es bis zur notwendigen Durchführungsverordnung aber noch ein sehr langer Weg sein. Denn die Frage, ob das Modell auch umsetzbar ist, wurde - zum Erstaunen der Branche - erst nach dem Parlamentsbeschluss gestellt.

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