Wiener Vorlesungen zum Wandel der Ehe

Vorabgespräch mit Sozialhistorikerin Christa Ehrmann-Hämmerle

Wien (OTS) - Über den Wandel der Ehe in den letzten beiden Jahrhunderten handeln die beiden Vorträge der Frauenhistorikerin Karin Hausen und der Rechtshistorikerin Ute Gerhard, welche kommenden Mittwoch Abend im Stadtsenatssitzungssaal des Wiener Rathauses zu hören sein werden.

Christa Ehrmann-Hämmerle, Historikerin und Moderatorin dieses Abends, betont im Gespräch mit der "Rathauskorrespondenz", dass die Ehe die längste Zeit rechtlich, religiös wie auch sozial stark reglementiert war. So sah etwa das 1811 geschaffene Bürgerliche Gesetzbuch nicht die Zivilehe vor, die erst 1938 im Nationalsozialismus eingeführt wurde. Aus diesem Grund war auch die Scheidung aus der Ehe nicht möglich, da die Ehe, zumindest in der Monarchie bzw. bis 1938, auch staatlicherseits als religiöses, christlich-katholisches Sakrament angesehen wurde, welches "bis zum Tode reichte". Die Möglichkeit zur Zivilehe wurde jedoch in Ungarn bereits 1894 eingeführt, eine juristische "Freiheit", die laut Hämmerle zur damaligen Zeit zu einem wahren Eheschließungs-Boom aus dem österreichischen Teil der Monarchie führte.

Gemeinden erteilten Eheberechtigung aus

Wie sehr auch von staatlicher Seite die Ehe reglementiert wurde, illustriert die Historikerin, die derzeit an einem größeren Forschungsprojekt zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in der Monarchie arbeitet, an der sogenannten "Eheberechtigung", die bis 1868, teilweise, wie in Vorarlberg noch bis 1920 existierten. Hierbei musste ein heiratswilliges Paar bei der Gemeinde um die Erlaubnis zur Heirat nach Erbringung des Beweises des finanziellen Selbsterhaltes bzw. eines Sittlichkeitszeugnisses ansuchen.

Bürgerliches Ehe-Modell währte bis in die späten 60e Jahre

Ab dem frühen 20. Jahrhundert setzte sich dann immer mehr das bürgerliche Ehemodell mitsamt Kleinfamilie gesellschaftlich durch, wobei am Land bzw. in den Arbeiterschichten noch andere Formen des Zusammenlebens akzeptiert und praktiziert wurden. "Dem bürgerlichen Ehemodell folgten bis Ende der 60er Jahre manchmal bis zu 95 Prozent einer Generation", hält Hämmerle fest.

2001: Minusrekord bei Eheschließungen

Der große Bruch fand dann in den 70er Jahren fest, als die Verfügung über geeignete Verhütungsmittel, neue Lebens- und Arbeitsentwürfe und von Seite der Frauen emanzipatorische Inhalte immer weiteren Anklang fanden. Dennoch scheint die in den 70er Jahren getroffene Prognose vom "Tod der Ehe" nicht zuzutreffen, da trotz hoher Scheidungsraten der Weg zum Standesamt noch immer gesucht wird, freilich in abnehmender Tendenz. Für das Jahr 2001 vermerkte die offizielle Statistik mit knapp 34.000 Eheschließungen einen seit 1945 unerreichten Minusrekord. Dieser Trend geht einher mit einem Rückgang an Geburten, demnach 2001 74.630 Geburten 73.887 Todesfälle gegenüberstanden, somit nur ein Plus von 743 Geburten zu bilanzieren war.

Die Wiener Vorlesung am Mittwoch ist zugleich Auftaktveranstaltung einer Internationalen Tagung zum Thema "Liebe und Widerstand. Ambivalenzen historischer Geschlechterbeziehungen", welche am 3. und 4. Oktober am Universitätscampus stattfinden wird. Mit der Tagung wird die Historikerin Edith Saurer anlässlich ihres 60. Geburtstages geehrt. Nähere Infos hierzu unter:
http://mailbox.univie.ac.at/gender.geschichte/

Univ.-Prof. Dr. Karin Hausen lehrt interdisziplinäre Frauenforschung an der technischen Universität Berlin. Zu ihren Publikationen zählen u.a. "Frauenerwerbsarbeit. Forschungen zur Geschichte und Gegenwart" (1993) und "Geschlechterhierachie und Arbeitsteilung. Zur Geschichte ungleicher Erwerbschancen von Männern und Frauen (1993).

Univ.-Prof. Dr. Ute Gerhard lehrt Gesellschaftswissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Sie ist Mitbegründerin der Zeitschrift "L'Homme", die sich mit feministischer Geschichtswissenschaft auseinandersetzt. Zu ihren Werken zählen u.a. "Atempause. Feminismus als demokratisches Projekt" (1999) und "Gleichheit ohne Angleichung. Frauen im Recht" (1990)

o Wiener Vorlesungen: "Die Ehe in Angebot und Nachfrage: Zum Bedeutungswandel von Ehe im 19. und 20. Jahrhundert"
Datum: Mittwoch, der 2. Oktober
Ort: Stadtsenatssitzungssaal im Wiener Rathaus
Beginn: 19 Uhr

Der Eintritt ist frei! (Schluss) hch

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