"Kleine Zeitung"-Kommentar: "Spiel mit verdeckten Karten" (Von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 29. 9. 2002

Graz (OTS) - Koalitionen kann man nicht wählen. Deswegen wird die Stimmabgabe zur Lotterie. Was wird die Partei nach dem Wahltag machen? Mit wem wird sie ein Bündnis eingehen? Oder zieht sie sich in die Opposition zurück, wenn sie ihr Wahlziel nicht erreicht?

Obwohl es sich um die zentrale Frage dieses Wahlkampfs handelt, ist nicht zu erwarten, dass die Wähler noch vor dem 24. November eine Antwort bekommen werden. Alle Parteien dürcken sich vor einer Festlegung. Nicht weil sie fürchten, dass sie sich die Hände binden. Das hat noch nie einen Politiker gehindert, nach den Wahlen etwas anderes zu tun, als er vor den Wahlen versprochen hat.

Die Vorsicht hat andere Gründe. Die Parteistrategen glauben, dass sie durch eine Koalitionsaussage ihre Wahlchancen verringern. Im Trüben zu fischen ist einfacher und ertragsreicher.

Die ÖVP versucht, dem Dilemma zu entkommen, indem sie nur eine Botschaft trommelt, nämlich: Wolfgang Schüssel muss Bundeskanzler bleiben. Das ist ihr bisher gut gelungen. Schüssel legte einen kraftvollen Start hin. Er verschwendete keine Zeit mit der Trauerarbeit wegen der zerbrochenen schwarz-blauen Ehe, sondern erhob sofort den Führungsanspruch. Das Chaos in der Regierung hätten andere zu verantworten; vorgezogene Neuwahlen seien die selbstverständlichste Sache der Welt. Wer, wenn nicht er, soll die Geschicke des Landes lenken?

Die überrumpelte SPÖ geriet von Anfang an in die Defensive. Die Partei, die schon lange keine Bewegung mehr, sondern schwerfällig wie ein Tanker ist, wirkte gelähmt. Von einer Aufbruchstimmung ist nichts zu spüren. Es ging kein Ruck durch die Organisation, obwohl man hätte annehmen müssen, dass die SPÖ den Tag herbeigesehnt hat, an dem sie Rache für die erlittene Schmach nehmen kann. Wo ist das Programm, wo sind die Personen? Als der Wahlkampf bereits ausgebrochen war, schien Alfred Gusenbauer noch damit beschäftigt, sich auf den Urnengang im Herbst nächsten Jahres vorzubereiten.

Auch Gusenbauer drückt sich vor einer Koalitionsaussage. Bisher sprach er nebulos von Optionen, die sich die Partei nicht verbauen dürfe.Dass die SPÖ mit der FPÖ mit oder ohne Jörg Haider nie und nimmer eine Koalition eingehen werde, ist nichts Neues. Aber sonst? Warum hat Gusenbauer Angst, auf ein rot-grünes Projekt zu setzen? Wäre das nicht die logische ALternative zum gescheiterten schwarz-blauen Abenteuer? Fürchtet er, dass die Gewerkschafter und andere Traditionswahrer in seiner Partei die Gefolgschaft verweigern?

Auf die Sehnsucht nach den alten Zeiten zu setzen, könnte sich als trügerisch herausstellen. In den Meinungsumfragen liegt zwar die große Koalition in der Beliebtheitsskala voran, doch zeigt die Erfahrung der letzten zwei Jahre, wie sich Stimmungen ändern. Plötzlich finden auch jene, die das schwarz-blaue Bündnis prinzipiell abgelehnt haben, dass es ganz gut war, mit der Erstarrung des rot-schwarzen Systems zu brechen.

Das Spiel mit verdeckten Karten ist ohne Risiko. Aber auch im Spiel gilt: Wer wagt, gewinnt. ****

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