Konjunkturerholung verzögert

Prognose für 2002 und 2003

Wien (WIFO) – Die österreichische Wirtschaft wird heuer um nur knapp 1% und nächstes Jahr voraussichtlich um mehr als 2% wachsen. Die Risken für die Konjunkturerholung, auf die das WIFO in seiner Juni-Prognose hingewiesen hat, sind schlagend geworden. Die Talfahrt der Börsenkurse hat das Vertrauen der Konsumenten und Unternehmen weltweit erschüttert. Angesichts der Unsicherheiten und der getrübten Stimmung sind die Wachstumsaussichten weniger günstig einzuschätzen. Das gedämpfte Wachstum schlägt sich in stark steigender Arbeitslosigkeit und ungeplant hohen Budgetdefiziten nieder.

Seit dem Juni haben sich die Konjunkturaussichten für die USA und Europa verschlechtert 1). Der massive Verfall der Börsenkurse beeinflusst über Vermögensverluste und Stimmungstief auch die Realwirtschaft. Gemäß Unternehmensumfragen und Frühindikatoren dürfte sich die Konjunktur schwächer entwickeln als angenommen. Für Europa fallen die Prognosekorrekturen stärker aus als für die USA, weil die Wirtschaft der EU bisher deutlicher hinter den Erwartungen zurückblieb. Das hat nicht nur Folgen für die Exportaussichten Österreichs, sondern auch für die Investitionsbereitschaft der Unternehmen.

In Österreich kam die Konjunkturerholung im 1. Halbjahr noch wie erwartet voran. Das reale Bruttoinlandsprodukt nahm von Quartal zu Quartal um etwa 1/2% zu. Im Sommer trübte sich jedoch die Stimmung der Unternehmen ein, vor allem die Erwartungen für die kommenden Monate wurden revidiert. Hier schlagen sich die Zweifel an der Robustheit der Konjunktur in den USA und der Verfall der Börsenkurse nieder. Die Auswirkungen der Hochwasserkatastrophe waren in diesen Umfragen noch nicht berücksichtigt; die damit verbundenen Produktionsausfälle bilden einen weiteren kurzfristig dämpfenden Faktor.

Die Wachstumsprognose für 2002, die das WIFO seit Dezember 2001 unverändert beibehalten hatte, muss wegen der Verzögerung des Aufschwungs um 1/4 Prozentpunkt auf 0,9% nach unten korrigiert werden. Damit verändern sich auch die Aussichten für das kommende Jahr, das Tempo der Erholung wird geringer ausfallen als bisher angenommen. Die Prognose für 2003 wird deshalb um 1/2 Prozentpunkt auf 2,2% zurückgenommen. Dieses Szenario setzt voraus, dass die "Konjunkturpause" zu Ende geht und die im 1. Halbjahr verzeichnete Erholung sich im nächsten Jahr fortsetzt. Für eine solche Entwicklung spricht, dass sich das Vertrauen in die börsennotierten Unternehmen wieder festigen dürfte und dass aufgeschobene Investitionen nachgeholt werden müssen, um den Ersatzbedarf zu befriedigen. Die anhaltend niedrigen Zinsen und die Investitionsprämie bieten dafür einen Anreiz.

Die Erholung der Konjunktur ist aber noch immer mit beträchtlichen Unsicherheiten behaftet: In den USA muss sich die Konjunktur erst als robust erweisen. Ein Krieg gegen den Irak würde die Rohölpreise kurzfristig in die Höhe treiben und die Börsenkurse zu einem neuen Tief führen. In der EU stehen einige große Staaten vor dem Problem, trotz der Stagnation restriktive budgetpolitische Maßnahmen ergreifen zu müssen, um den Stabilitäts- und Wachstumspakt einzuhalten.

In Österreich wurde das Wirtschaftswachstum bisher entscheidend vom Außenbeitrag bestimmt. Aufgrund der Schwäche der Inlandsnachfrage -vor allem nach Investitionsgütern - werden die realen Warenimporte um 3% sinken. Das Defizit in der Leistungsbilanz wird dadurch halbiert.

Der massive Investitionsrückgang, der nun schon das zweite Jahr anhält (jeweils -5%), ist neben der stark steigenden Arbeitslosigkeit ein wichtiger Anlass für das soeben beschlossene Konjunktur- und Beschäftigungspaket der Bundesregierung. Die bis Ende 2003 befristete Investitionsprämie von 10% soll einen Anreiz bieten, geplante Investitionen vorzuziehen.

Die bisherigen Maßnahmen von Bund und Ländern zur Konjunkturbelebung und die Behebung der Hochwasserschäden dürften heuer dazu beitragen, die Situation in der Bauwirtschaft (vor allem im Tiefbau) zu stabilisieren. Die Prognose für die Bauwirtschaft kann etwas nach oben revidiert werden (von -2% auf -1%). 2003 ist ein leichter Zuwachs der Bauproduktion zu erwarten, der auch durch den Wiederaufbau nach der Flutkatastrophe ausgelöst wird. Der private Konsum hielt bisher real das Vorjahresniveau. Die Pkw-Käufe und die Wohnbauinvestitionen der privaten Haushalte brachen jedoch ein.

Die Konjunkturschwäche hat 2002 hohe Steuerausfälle (rund 2 Mrd. €) zur Folge, dazu kommt die Budgetbelastung durch die Folgen der Hochwasserkatastrophe (1 Mrd. €). Der Staatshaushalt wird deshalb heuer ein Defizit von etwa 1 1/2% des BIP aufweisen. Die Staatsausgaben (ohne Hochwasserhilfe und Arbeitslosengeld) weichen kaum vom Voranschlag ab. Im Jahr 2003 dürfte das Budget einen Abgang von gut 1% des BIP aufweisen, sofern sich die Konjunktur wie erwartet erholt.

Die Verlangsamung des Wirtschaftswachstums hat einen ungewöhnlich starken Anstieg der Arbeitslosigkeit zur Folge - Österreich zählt heuer zu den EU-Ländern mit dem raschesten Zuwachs an Arbeitslosen (+31.000). Die Nachfrage nach Arbeitskräften ging erwartungsgemäß zurück, gleichzeitig nahm aber das Arbeitskräfteangebot wegen der Anhebung des Frühpensionsalters und der großzügigen Beschäftigungsgenehmigung für ausländischer Saisoniers kräftig zu. Die Arbeitslosenquote wird deshalb von 6,1% (2001) auf 6,9% im Jahr 2002 steigen und nächstes Jahr auf hohem Niveau stagnieren. Das Konjunkturpaket der Bundesregierung wirkt relativ spät der Verschlechterung der Arbeitsmarktlage für Jugendliche entgegen. Die Maßnahmen im Rahmen des "Jugendauffangnetzes" wurden verlängert, die Lehrplatzförderung ausgeweitet.

Der Preisauftrieb wird sich insgesamt abschwächen. Die Verbraucherpreise werden 2002 um 1,8% steigen, dank der Stabilisierung der Energiepreise um 1 Prozentpunkt langsamer als 2001. Im Jahr 2003 ist ein weiterer Rückgang der Inflationsrate auf 1,4% zu erwarten, weil die Lohnrunde im privaten Sektor niedriger ausfallen dürfte und einige Sonderfaktoren - z. B. hohe Saisonwarenpreise - wegfallen.

Nähere Informationen entnehmen Sie bitte dem WIFO-Monatsbericht 10/2002!

1) Kramer, H., Budgetpolitik und wirtschaftspolitische Strategie, WIFO, Wien, August 2002,
http://titan.wsr.ac.at/wifosite/wifosite.get_abstract_type?p_la
nguage=2&pubid=22581&pub_language=-1&p_type=0.

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