"Die Presse"-Kommentar: "Richtungswahl in Belgrad" von Wieland Schneider

Ausgabe vom 26.9.2002

Wien (OTS) - War es nur ein nationalistischer "Ausrutscher" oder bewußte wahltaktische Provokation? Die Bemerkung Vojislav Kostunicas sorgte jedenfalls für große Aufregung. Der derzeitige jugoslawische Präsident und aussichtsreiche Kandidat für das Amt des serbischen Präsidenten verstieg sich auf einer Wahlkampfveranstaltung zu der Aussage, der serbische Landesteil Bosnien-Herzegowinas sei nur "vorübergehend" von Serbien getrennt. Die helle Empörung in Bosnien und auch im Westen über dieses neuerlich offen propagierte panserbische Gedankengut schien Kostunica nur wenig zu kümmern. Die Heimatfront ist in Zeiten von Wahlschlachten für Politiker nur allzuoft wichtiger als das Ansehen im Ausland.
Ob nun Ausrutscher oder Taktik: Mit seiner Aussage hat Kostunica erneut klargestellt, aus welcher Ecke er kommt - aus der des serbischen Nationalismus. Dieser Umstand hat ihm dabei geholfen, den früheren Autokraten Slobodan Milosevic von der Macht zu verdrängen. Nun könnte sein Flirt mit Anhängern großserbischer Ideen Kostunica auch dabei helfen, das Amt des serbischen Präsidenten zu übernehmen. Sollte nämlich keiner der Kandidaten beim Urnengang am Sonntag mehr als 50 Prozent erhalten, ist eine Stichwahl nötig. Und dann sind Kostunica auch die Stimmen jener Nationalisten sicher, die im ersten Wahlgang etwa den völkischen Wirrkopf Vuk Draskovic oder den Tschetnik-Führer Vojislav Seselj gewählt haben.
Sollte Kostunica tatsächlich neuer serbischer Präsident werden, hätte das für das Land verheerende Folgen. Zwar sind die Zeiten, in denen serbischer Chauvinismus den Balkan in mörderische Kriege zu stürzen vermochte - zum Glück - vorbei. Dem Ansehen Serbiens bei seinen Nachbarn wären die vorprogrammierten "Ausrutscher" seines Präsidenten jedoch gewiß nicht förderlich.
Der latente Nationalismus des farblosen Juristen ist aber das geringste Übel, mit dem Serbien unter einem Präsidenten Kostunica zu kämpfen hätte. Fatal wäre vielmehr die politische Konstellation, die sich daraus ergeben würde.
Schon in seinem Amt als jugoslawisches Staatsoberhaupt hatte Kostunica nichts unversucht gelassen, der serbischen Regierung seines Erzrivalen Zoran Djindjic in die Suppe zu spucken. Vom Sessel des serbischen Präsidenten aus ginge das noch um einiges leichter.
Der endlose Machtkampf zwischen Djindjic und Kostunica, der das Land schon zu lange lähmt, würde nicht nur prolongiert, sondern sogar noch verschärft. Einen Vorgeschmack darauf hat Kostunica bereits im Wahlkampf mit seinen wilden Attacken auf die serbische Regierung gegeben.
Kostunicas gefährlichster Gegner bei den Präsidentenwahlen, der Wirtschaftsexperte Miroljub Labus, ist dem Lager um Djindjic zuzuordnen. Auch dieses beheimatet Nationalisten, und nicht alle Entscheidungen von Djindjics Yuppie-Entourage waren zum Wohle aller serbischen Bürger. Trotzdem ist Labus der einzige Präsidentschaftskandidat, der für ein politisch und wirtschaftlich modernes Serbien steht. Zudem genießt der Ökonom hohes Ansehen im Ausland - bei Serbiens gewaltigem Bedarf an ausländischer Finanzhilfe und Investitionen ein wichtiges Argument.
Die Serben haben am Wochenende die Wahl: Wollen sie Instabilität und den nationalen Chauvinismus Kostunicas, den der Westen nach dem Sturz Milosevics noch als "demokratischen Retter Jugoslawiens" gefeiert hatte? Oder wollen sie die Fortsetzung wichtiger Reformen? Die Serben haben es in der Hand, für den Weg nach Europa zu stimmen, und ein Zeichen dafür setzen, daß serbische Politik angesichts der sozialen und wirtschaftlichen Misere viel zu wichtig ist, als zum Showdown zweier Rivalen zu verkommen.

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