"Kleine Zeitung" Kommentar: "Genosse Trend wieder da?" (von Erwin Zankel) Utl: Ausgabe vom 22.9.2002

Graz (OTS) - Wird der Trend, der in den letzten Jahren die Linksregierungen in Europa von der Macht verdrängt hat, wieder zum Genossen?

Am letzten Sonntag hat Göran Persson in Schweden den Ansturm der Rechtsparteien gegen den roten Wohlfahrtsstaat abgewehrt. Am heutigen Sonntag könnte Gerhard Schröder das Duell gegen Edmund Stoiber gewinnen und das rot-grüne Experiment in Deutschland, das bereits gescheitert schien, als durch die Mehrheit bestätigte Regierungsform in eine zweite Periode führen. Am letzten Sonntag im November ist dann Österreich an der Reihe. Sollte es Alfred Gusenbauer gelingen, Wolfgang Schüssel aus dem Bundeskanzleramt zu verdrängen, wäre der Triumph der Sozialdemokratie perfekt.

Glorreiche Zeiten, fast wie vor einem Vierteljahrhundert unter dem roten Dreigestirn Olof Palme, Willy Brandt und Bruno Kreisky? Auch wenn es so aussieht, als breche ein neues sozialistisches Jahrhundert an, kurz nachdem das vergangene sozialistische Jahrhundert vom berühmten deutschen Soziologen Ralf Dahrendorf tot gesagt worden war, findet keine Rückkehr zu den alten Verhältnissen statt. Die Wahlen werden heute dort gewonnen, wo die Mitte der Gesellschaft vermutet wird. Die vorsichtige Umschreibung drückt aus, dass die Mitte nicht klar abgegrenzt werden kann, vor allem nicht mit den traditionellen ideologischen Denkmustern von links und rechts.

Der deutsche Wahlkampf war vom Kampf um die Mitte geprägt. Schröder setzte zunächst darauf, dass Stoiber als harter Rechtsausleger auftreten wird. Als sich der Bayer aber nicht als der reaktionäre Tölpel aufführte, kam der Kanzler ins Trudeln. Erst mit der Flutkatastrophe, bei der sich der Regierungschef als entschlossener Macher beweisen konnte, bekam Schröder Oberwasser.

Der Emotionalisierung durch das Schreckgespenst eines Irak-Krieges konnte der Herausforderer nichts entgegensetzen. Stoiber gelang es nicht, eine Wendestimmung zu erzeugen. Beide Kandidaten wirkten oft wie austauschbar. Werden sich die deutschen Wähler für die Beibehaltung des Bisherigen entscheiden?

Auch in Österreich herrscht keine wirkliche Wendestimmung. Das ist umso erstaunlicher, weil die Opposition mit Hilfe der Straße gegen die Wende mobil gemacht hat. Wo ist der Kampfgeist der ersten Monate geblieben, als die Massen auf dem Heldenplatz die Fäuste ballten und mit den Schlüsseln gegen Schüssel protestierten? Nicht nur die klein gewordene Familie der Donnerstag-Marschierer, erst recht die beiden Oppositionsführer wurden vom plötzlichen Zerbrechen der schwarz-blauen Koalition am falschen Fuß erwischt.

Alexander Van der Bellen wird dies nicht bekümmern. Die Grünen profitieren von der Farblosigkeit der Roten und können darauf bauen, dass die Schwarzen die Polarisierung durch einen Lagerwahlkampf vermeiden werden.

Gusenbauer steckt in einer Doppelmühle: Er muss Platz eins gegen Schüssel verteidigen, der den Kanzlerbonus geschickt einsetzt, und gleichzeitig das Einschleichen der Grünen abwehren. Derzeit ist der Trend für ihn kein Genosse. ****

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